LIFESTYLE

Lifestyle: Wieso Influencer Bashing selbstverschuldet ist

14. November 2017
arnel-hasanovic-375269

Ich halte Seminare.
Das war für die meisten ein Schock, denn die eine Seite sagte: „Was, sie hat doch nur 25.000 Follower, wieso sollte gerade SIE Seminare halten?“
Die andere Seite sagte: „Äh, Entschuldigung, aber du bist doch gerade die, die nicht diese typische blonde Influencerin ist, die ihre Proteinshakes in die Kamera hält – du sagst doch immer, du magst das alles gar nicht!“

Beides stimmt. 
Was soll ich sagen? 
Ich bin nicht das, was man sich als „typische Influencerin“ vorstellt, ich bin nicht Papas reiches Mädchen, ich bin nicht hübsch oder dünn genug und ich sage jetzt nicht „dumm“ genug, denn dann würde ich da weitermachen, wo andere schon längst hätten aufhören sollen – und mit „anderen“ meine ich vor allem die Huffington Post, gerade jetzt.

Ich habe mich nicht zu diesem Artikel geäußert, da er mir schlichtweg zu dumm war. Nicht blöd, nicht gemein, nicht doof, sondern wirklich einfach: dumm.
Schlecht recherchiert, schlecht geschrieben, polemische Punchlines die niemanden getroffen haben und erst recht nicht ins Schwarze. Schlechte Journalistenarbeit im Trashformat von kleinen Mädchen, die zu einem Seminar geschickt worden sind mit den Worten „Hier, VICE, kennste? Mach ma. Schreib ma richtig gemein!“
Ich weiß, wie das funktioniert, weil ich früher, als ich noch wirklich gucken musste, wo mein Geld denn herkommt, und mich nicht für Moral, Ethik oder einen generellen Qualitätsstandard interessiert habe, ebenfalls BullshitBingo in Schmierblättern fabriziert habe.

Das ist vor allem auch sehr einfach:
Du googlest „Die 10 größten Vorteile / Irrtümer über Influencer“, schreibst 10 mal drumherum in verschiedenen Wörtern deine eigentliche Kernaussage „und alle die da waren, waren auch viel niveauloser und blöder als ich“ und schon hat man einen Artikel, der zumindest für einschlägige Clickbaitseiten und reicht.

Das Schlimme daran: Leute fanden ihn gut.
Das Logische daran: Alle Leute finden Trash gut. Deswegen gibt es RTL2.
Das Unlogische daran: Niemand denkt, das Dschungelcamp sei das echte Leben.
Wieso also glauben Leute dann die Sachen, die in gezielten „Die sind alle voll doof und so, ehrlich!“ – Schmierblättern stehen?
Weil es Spaß macht.
Weil man es liebt, sich das Maul zu zerreissen.
Und weil es so einfach ist.

Einfach ist es allerdings auch, solche Artikel zu schreiben.
Das habe ich im Schlaf gemacht, im Pyjama, weil ich wusste, niemand erwartet, dass dieser Artikel in irgendeiner Weise Substanz hat, in irgendeiner Weise korrekt ist, kurzum: Niemand denkt, ich bin gut. Niemand erwartet Qualität. Ich bin nur eine billige Arbeitskraft, die die Seiten mit Clickbait-Voruteil-Artikeln füllt.

Das erklärt auch die Masse an Fehlern, die diesen Artikel bestimmen, also einmal eine kurze Richtigstellung, die ich nie vorgenommen hätte, wenn es nicht tatsächlich Leute gäbe, die das in irgendeiner Form geglaubt haben (wieso auch immer):

1. „Wenn du dem Seminar aufmerksam folgst, kannst du dir auch bald eine Handtasche für 4000 Euro leisten“

– 2100 Euro, Vintage, auf Raten gekauft, weiß jeder, die einzige richtig teure Tasche, die ich habe. Weiß auch jeder, habe ich HIER gesagt.

2. Die Tasche gehört der Seminar-Leiterin: Tara Waldorf, 27, Influencerin. Mit schnellen Finger-Bewegungen tippt sie auf ihrem Smartphone herum. An ihren Ohren baumeln Creolen in Herzform, um ihren Hals hängen goldene Chanel-Cs an einem Kettchen.

– Tara Wittwer. Nicht Waldorf, nur weil es bei Instagram steht. Steht im Impressum, übrigens.
(Die goldene Chanel-Cs sind ein abgebrochener Reißverschluss eben jener Tasche. Ich fand es witzig)

3. Um es anders zu formulieren: Spiel deinen Followern den allerbesten Freund vor, um ihnen später Produkte unterjubeln zu können, die sie eigentlich nicht brauchen. Aber sie vertrauen dir schließlich.

Falsch. Ich habe gesagt, man wird als Freundin angesehen, nicht man soll die Freundin spielen. Das ist ein essentieller Unterschied, denn das eine impliziert Unehrlichkeit, die ich, wie übrigens ebenfalls sehr oft im Seminar betont habe, nicht gutheiße: Ich mache nur Werbung für Produkte, die ich den Menschen, die mir folgen, wirklich vermitteln will. Ein guter Punkt: meine Follower sind Menschen für mich. Keine Zahlen. Und das meine ich so. DIE WELT hat das übrigens sehr gut verstanden und geschrieben.

DIE WELT Screenshot
„Sie übernehme nur die Aufträge, die zu ihr passen“

4. „Kein Influencer macht Fotos, nur weil es Spaß macht“, lerne ich.

– Kann sein, dass sie es gelernt hat. Von mir jedenfalls nicht. Nie behauptet.

5. „Als Influencer musst du Träume verkaufen“, sagt sie.

– Sagt sie, ja. Also ich. Mit dem Nachsatz, dass ich allerdings nicht dafür bin, eben ein perfektes Leben zu vermitteln. Vor allem, weil gerade ich, die keine Travel- oder reine Fashionbloggerin, das sowieso nicht behaupten kann.

6. Gemeinsam mit einer Freundin führt Andy Sparkles einen Fashion-Blog. Ihre Freundin, eine professionelle Fotografin, macht all ihre Instagram-Fotos. Auch Andy Sparkles hat also ihren persönlichen Profi-Fotografen – wie jeder echter Influencer.

– Vor allem hat Andrea eine Schwester, die freiberuflich fotografiert. Keine Profifotografin, keine Bilder nur für Instagram, keine Freundin, sondern Schwester. Aber gut.

7. Die meisten Teilnehmer haben einen Job und keine Zeit, jeden Tag zwei schöne Fotos zu machen. Dafür hat Tara kein Verständnis.

Ich verweise gerne wieder auf DIE WELT, die korrekt schrieb: „Das Influencer-Ding ist nur einer von mehreren Jobs“. Ich arbeite 32h in einer Firma im Büro, ich studiere Literatur (schadet übrigens niemandem), ich schreibe als Freelancer für Yahoo (Huffington Post und Yahoo gehören in den USA übrigens schon zusammen, das wäre also da nicht passiert) und habe ein Gewerbe mit meinem Blog seit 5 Jahren. Achja, und: Ich bin Dozentin.
Das heißt, ich habe echte Jobs. Nicht nur Lifestylebloggerin (oder Lifestyleautorin) für irgendwas.

8. Instagram-Stories postet Tara zusätzlich jeden Tag. Nur Live-Videos nicht. „Die mache ich nur ungefähr zweimal im Jahr, wenn auch wirklich was Wichtiges und Interessantes passiert“, sagt Tara – was das über ihre anderen Posts aussagt, sei jetzt mal dahingestellt.

– Das sagt schlichtweg aus, dass ich nicht jeden Tag auf Parties bin, im Urlaub, ein krasses Jet Set Influencer Leben fühle. Wie kann das sein, das passt doch aber gar nicht zu dem Bild, was hier gezeichnet wurde? …

9. Denn Menschen, die sich selbst als Influencer bezeichnen, verstehen sich als vieles, aber nicht als Freunde.

– Ich weiß zwar nicht, wo das gelehrt wurde, aber Pauschalisierungen sind etwas, was man als ernstzunehmender Journalist unterlassen sollte. Aber ernstzunehmende Journalisten schreiben nicht so, ich habe nämlich auch Dinge an diesem Tag gelernt, obwohl ich nur lehren sollte.

Ein paar Anmerkungen habe ich noch, bevor ich dieses doch eher irrelevante Thema endlich schließen will:
Ich verstehe nicht, wieso andere Bloggerinnen daraufhin völlig eskalieren und sich entweder 1. drüber lustig machen, weil sie zwar Influencer und Bloggerinnen sind, sich aber nicht mit dem Artikel angesprochen fühlen und dann am Ende doch eher flehentlich-wehleidig betonen, dass sie ja eigentlich lieber das Seminar gehalten hätten (hoffentlich bald!) (Nein, bitte nicht!)
Entweder man ist Influencer oder eben nicht. Aber sich angesprochen fühlen, wenn es gut läuft und ignorieren, wenn es schlecht läuft ist kein professionelles Verhalten – erst recht nicht, wenn man dann noch einen schlecht recherchierten Artikel dafür nutzt, um einen kläglichen Versuch der Eigenwerbung dranzuhängen, der implizert, dass man auf jeden Fall viel besser wäre.
Nope.
Oder aber ganz sagt, man will genau wegen sowas aufhören.
Wieso? Es ist nichts neues, dass Berufsgruppen, die Neid in Leuten hervorrufen, Angriffsfläche bieten.
Es ist nichts neues,  dass Leute automatisch an  dumme und verwöhnte Girlies denken, wenn die den  Begriff „Influencer“ hören.
Was aber neu ist, ist, dass jemand versucht hat, mich zu einem dieser dummen Instagram-Mädchen zu machen – wo ich doch für weitaus renommierte Onlinemagazine geschrieben habe als für die Huffington Post.
Ist aber nicht schlimm.
Ich habe mich nicht pesönlich angegriffen gefühlt, denn ich weiß, dass es völlig egal gewesen wäre, wer da gestanden hätte: Es ging nicht um mich. Es ging um einen Influencer.
Es ging um die Thematik des Influencers.
Nur wir sind nicht Schuld, dass dieses Berufsbild funktioniert, sondern das Publikum und die, die uns bezahlen.
Aber ich gönne den Leuten die 5 Minuten Ruhm – inklusive Abänderung des Instagram Profils mit trackable Link und unreflektierten  Postings in Stories, in denen man impliziert, dass man „die Welt zu einem besseren Ort macht“ (warum? Wir posten wenigstens nicht ÜBER andere um Klicks zu generieren) indem man „Influencerinnen dazu bewegt, aufzuhören“. Das Witzigste daran: Das Wort „Journalismus“. Höhö. Klar.

2017-11-11-PHOTO-00004136 2017-11-11-PHOTO-00004137 (1)

Das einzige, was ich dazu sagen kann, ist:
Influencer sind nicht schlechter als Journalisten.
Journalisten sind manchmal auch nur „Journalisten“.
Influencer selbst sollten nicht denken, sie sind nur dann angesprochen, wenn man gut über sie redet – und sich selbst dann auch nicht besser fühlen, nur weil man mehr  Follower hat: genau dann erfüllt ihr nämlich jedes peinliche Klischee.
Und: Lasst doch einfach jeden machen, was er will. Lasst blonde Girlies blond sein, lasst mich in Ruhe meine Pizza essen und das feiern, lasst doch Influencer Influencer sein und hört auf, ständig drüber abzukotzen, weil halt sonst nichts mehr zieht. Wenn ihr alle immer mitmacht, immer alles lest, immer alles teilt, dann kann man nicht erwarten, dass dieses dumme Bashing, auf allen Seiten, aufhört.

Übrigens: Wenn ihr den Text lesen wollt, googlet einfach Huffington Post Influencer. Von mir gibt es keine Verlinkung 😉

 

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply