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Literatur: Kirschblütenregen, früher.

3. April 2017

Ich taumele durch die Straßen, mit 16 sollte man noch keinen Alkohol trinken, aber wann genau macht es sonst so viel Spaß?
Wenn man sich verstecken muss, sich einen Ausweis von jemandem leiht, der dir nicht einmal im entferntesten ähnlich sieht und du das weißt und du das trotzdem machst und der an der Tür das mitmacht, weil vielleicht war er auch mal jung – ganz sicher sogar.
Ich bin vorlaut, mit 16 sollte man noch nicht so mutig sein, aber wann ist man das sonst als dann, wenn man gar nicht genau weiß, was diese Konsequenzen sind, von denen alle immer reden.
Die Party war schlecht, aber wir kennen nichts anderes.
Man sagt immer, dass Kinder, die auf einem Dorf groß werden, gar nicht wissen, was sie verpassen, aber hey – wir laufen einfach die 6km in das nächste Dorf, weil der Nachtbus nur alle 3 Stunden Samstags fährt und sonst bis 19:10. Wir treffen uns am Sportplatz oder „an der Kirche unten im Dorf“, wir müssen lernen, uns zu beschäftigen und irgendwie kennt jeder jeden, was oft Spaß macht.Kirschblüten Berlin
Manchmal nicht.
Manchmal trinkt man Alkohol und ist vorlaut und auf Parties und läuft nach Hause, nachts, mit 16 sollte man nicht alleine nach Hause laufen, aber den da hinten kenne ich, „hey, was machst du hier?“, „was machst DU hier“, Teenie-Gespräche, sinnlos, nichtssagend, „hey, was machst du da“, der Blick sagt alles.
Irgendwie stehe ich an der Mauer und er davor und hinter mir ist niemand, der mir den Rücken decken kann und woher kommt die Hand unter meinem Shirt?
Das Tshirt gehört mir gar nicht, ich habe es mir geliehen von meiner Freundin.


„Hey, darf ich mir das leihen?“, frage ich meine Freundin, während ich in ihrem Klamottenhaufen  auf den Boden sitze.
Wir schminken uns zu viel und trinken mit billigem Asti vor, das war das einzige, was wir ohne Ausweis bekommen haben.
Ich strahle über beide Ohren und halte eines ihrer Shirts hoch – „du weißt schon, er wird das bestimmt cool finden, vielleicht reden wir heute.“
„Er“ ist mein damaliger Schwarm, mein Crush, keine Ahnung, wer es war, ich habe es vergessen.
Aber ER war es nicht, ich weiß noch genau, wer es war, ich habe das nicht vergessen, nie.


Ich werde panisch und ich schnappe nach Luft.
Das ist ein bisschen wie Ertrinken, man denkt, man kann das gar nicht übersehen. Man will Schreien und Treten und irgendwas sagen, aber man ist erstarrt, schockiert, hilflos, losgelöst, man betrachtet sich von oben und schaut zu, „was passiert jetzt wohl“ und will es wissen und will es nicht wissen und kann auch nicht hinsehen.
Das ist ein bisschen wie Ertrinken, man verschluckt sich und kriegt keine Luft und Schreien kann man auch nicht, weil Atmen schon so schwer fällt.
Man denkt, das ist ein Klischee, aber nein, ich will es nicht auch, ich will es gar nicht, lass mich los.
Banale Gedanken, „hoffentlich geht das Shirt nicht kaputt, das gehört mir nicht“, und dann, einfach so, Schritte, Stimmen, lasssielos, verschwindevonhier, und ich, wieder frei, Gott sei Dank, das Shirt ist nicht zerrissen, aber ich, ich bin kaputt.

Berlin Cherryblossom

Mit 16 ist man viel zu jung, um sowas zu erleben, aber eigentlich gibt es kein Alter, indem es besser zu verkraften wäre.
Mit 16, da ist man  vielleicht jung genug, um sowas abzutun, „Hey weißt du noch damals, das war komisch oder, ja, ich weiß das gar nicht mehr so genau…“, aber du weißt es noch genau, denn manchmal träumst du davon, von dem Shirt für den Anderen und den Händen von ihm, dass dir das Shirt nicht gehörte und eine Zeit lang auch nicht dein Körper, als er dir weggenommen werden wollte.


„Komisch, da habe ich lange nicht mehr dran gedacht…“
Wir sitzen in einem Café, es ist nicht lange her, aber das alles, das schon.
Das Sonnenlicht bricht sich in meinem Wasserglas, hier, in einer anderen Stadt, der Vergangenheit nachhängend.
„Naja, aber sind wir mal ehrlich, du warst auch ein wenig selber Schuld, oder? Betrunken und das Shirt, das war echt gewagt…“
Ich stehe auf, wortlos.
Und dann, einfach so, Schritte. Weil ich gehe.
Nein, ich war nicht ein wenig selber Schuld.
Betrunken und Shirt und kein Shirt und Nackt und Nüchtern oder egal – ich gehöre mir. Allein.

 


Immer, wenn ich Kirschblüten sehe, denke ich an diese Zeit.
Was kann es schöneres geben als rosa Schnee, was kann es stärkeres geben als Bäume, die blühen, jedes Jahr aufs Neue, um noch schöner zu sein als vorher, vorher, vorher?

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1 Comment

  • Reply Alena 28. April 2017 at 9:36

    wow, wirklich wunder wunderschön! Dieser „Regen“ sieht so fantastisch aus! Und dein Text ist mega schön!

    xx Alena
    lookslikeperfect.net

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