LIFESTYLE LITERATUR

Literatur: Alle von uns sind Hannah Baker

23. April 2017

13 Reasons why – oder auch „Tote Mädchen lügen nicht“ ist der Titel der neuen Serie, die alle Rekorde bei Netflix bricht und einen regelrechten Hype bei vor allem jungen Leuten auslöst. Doch warum ist das so?

Hannah Baker ist ein normaler Teenager, der irgendwie, irgendwann mal gemobbt wurde.
Das ist allen Leuten passiert. Jede Freundin die ich habe hat irgendwann einmal irgendeine Macke von sich erklärt, indem sie sagte „Ja, aber ich wurde gemobbt damals…“.

Und ja, das ist schwer. Das war schwer. Ich denke, jeder wurde das zu irgendeinem Zeitpunkt mal.
Das liegt vor allem daran, dass Kinder und vor allem Teenager grausam sind. Teenager sind für mich die schlimmste Spezies auf der ganze Welt und ich darf das sagen: Ich war nämlich ihr Anführer. Ich bin sogar zuhause rausgeflogen, weil ich mich dazu entschieden habe „Wie bringe ich alle dazu, mich in kürzester Zeit zu hassen“ / Untertitel: Ich krankes Psychomonster Teil 1-10 innerhalb kürzester Zeit durchzuspielen. Spoiler Alert: Ich hatte Erfolg.

Spoiler Alert Nummer 2: Hannah Baker bringt sich in der Sendung um.
Das ist aber nicht wirklich ein Spoiler – das wissen wir schon zu Beginn der Sendung, auch wenn natürlich irgendein kleiner Teil von uns noch immer gehofft hat, dass es doch nicht so ist. Dass sie irgendwie gerettet wurde, von irgendwem. Denn genau das suggeriert die Sendung: Dass andere dazu verpflichtet sind, uns zu retten. Oder Hannah. Oder uns. Denn wir alle sind irgendwie Hannah Baker – genau deswegen ist diese Sendung ja auch so erfolgreich.

Wir alle können uns daran erinnern, heulend auf dem Badezimmerboden gelegen zu haben, von allen gehasst, hassend, vor allem uns selbst.
So ist die Welt mit 16 – voller Eyeliner, Traurigkeit, Balladen, die unser Herz rausreißen und viel, viel Liebeskummer. Missverständnisse. Intrigen. Lästereien. Stufenbissigkeit. Niemand sagt, dass es leicht ist.

Teenager definieren sich oft darüber, was sie über andere sagen. Man fühlt sich automatisch cooler, nur weil man jemanden mobbt, der augenscheinlich weniger cool ist, weil er oder sie nicht die neuesten Klamotten hat oder mehr Pickel als erwartet (Hormone, ihr Schweine!). Und ja: Ich war auch so. Auf beiden Seiten. Das ist ein Teufelskreis: Entweder man mobbt oder man wird gemobbt, weil man nicht genug gemobbt hat oder sowieso so aussieht, als ob man gemobbt werden müsste.
Das weiß man aber schon lange. Und man tut auch schon viel dafür – oder dagegen: wie man es nimmt.

13 reasons why triggert vor allem die Gefühle von jungen Menschen: alle können sich mit einem der Charaktere der Sendung identifizieren, was vor allem daran liegt, dass kein einziger Protagonist wirklich tiefgründig ist. Alle Darsteller werden nur oberflächlich dargestellt und haben jeweils eine Eigenschaft, die jeder Teenie besitzt: Der eine trinkt zu viel, der eine ist der reiche Bonze, der andere hatte nicht so viel Glück, die eine hat viele Tattoos und die andere ist die melancholische Poetin, die sich von allen missverstanden fühlt.

Ja genau, Hannah Baker fühlt sich missverstanden – und redet nicht ein einziges Mal mit ihren Eltern, die ihr immer zuhören wollten. Sie redet nicht mit Clay, der schrecklich offensichtlich in sie verliebt war. Sie stößt alle Menschen, die wirklich nett zu ihr sind oder sein wollen, ab und schreit sie hysterisch an und wundert sich danach, wieso sich alle von ihr abwenden. Sie leidet nicht, weil sie es schwer hat, sondern weil sie leiden möchte. Auch das ist eine Eigenschaft von Teenagern: Sie WOLLEN oft traurig sein, sie HABEN die Melancholie für sich gepachtet – aber das ist okay: Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Das haben wir alle durchgemacht.

Aber Hannah Baker und auch die ganze Serie glorifizieren für mich die Art, wie sie ihre Probleme gelöst hat: Indem sie sich umgebracht hat. Und das Resultat? Alle vermissen Hannah, alle finden Hannah toll, erst durch ihren Tod wird darauf aufmerksam gemacht, was alles falsch gelaufen ist, erst durch ihren Tod merkt Clay eigentlich richtig, wie sehr er sie mochte.
Und alle Teenies so: Yay! Das will ich auch!
Und alle Psychologen so: Nein! Das wirst du nicht bekommen!

Ich denke, dass es ein falscher Trend ist, diese Sendung so zu feiern. Ein Mädchen, was sich umgebracht hat, anstatt einfach Hilfe anzunehmen und nett zu sein – anstatt das Gespräch zu suchen, Kassetten aufzunehmen, die alle Menschen beschuldigen – so zu feiern kann gefährlich sein.

Wir alle sind irgendwie Hannah Baker gewesen. Wir haben alle schon gelitten unter Gerüchten, falschen Freunden und noch falscheren Beziehungen. Wir haben alle schon irgendwann unsere Haare geschnitten aus Frust, aus „Ich muss das jetzt machen“, aus „Wer hält mich davon ab, das zu machen?“.
Wir alle wissen, was es bedeutet, zu leiden.
Wir alle wissen aber auch, dass es keine Lösung sein kann und darf, sich umzubringen und dann alle anderen zu beschuldigen.

Es ist schön, wenn Leute dadurch mehr nachdenken, dass Mobbing falsch ist.
Es ist aber traurig, wenn das erst im Zuge einer gehypten Teeniesendung auf Netflix passiert, die man guckt, weil man keinen Bock auf Hausaufgaben hat.

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6 Comments

  • Reply Feli 24. April 2017 at 6:52

    wie immer ein starker Post, liebe Tara! Und ja „auch ich wurde gemobbt“. Ich habe es noch nicht geschafft, die Serie zu schauen und werde auf jeden Fall mir mal die erste Folge reinziehen. Krass, was die Serie für einen Hype auslöst, das hat das Buch damals nicht geshcafft.
    Liebe Grüße, Feli von http://www.felinipralini.de

  • Reply Stephi 24. April 2017 at 19:55

    Oh mein Gott ich danke dir für diesen post! Mir ging genau das gleiche durch den Kopf. Mal abgesehen, dass sich die Sendung gezogen hat wie Kaugummi.
    Mobbing ist schlimm. Und Depressionen sind schlimm (sofern man im Fall Hanna Baker davon schon reden kann). Und auch verletzt und missbraucht zu werden ist schlimm. Aber ich finde auch, dass die Serie wie du schon sagst den falschen Weg suggeriert: Vor den Problemen weglaufen und anderen die Schuld zuschieben ist garantiert nicht die Lösung.

    • Reply fashionlunch 25. April 2017 at 21:07

      Jaa genau. Ich finde auch, dass dieser Hype total ungerechtfertigt ist und ich verstehe nicht ganz, wieso das so glorifiziert wird – das sendet komplett falsche Signale.

  • Reply tatjana 26. April 2017 at 11:23

    ich habe die Serie noch nicht gesehen, aber werde das bald nachholen. finde es jedoch irgendwie erschreckend was das für einen Hype plötzlich auslöst!
    gemobbt wurde ich auch und ich hatte als teenie sehr oft Selbstmordgedanken – hätte es jedoch nie im leben gemacht und im nachhinein waren die ‚probleme‘ damals keine richtigen Probleme…. (jetzt ganz blöd ausgedrückt, vl verstehst du was ich meine)

    auf alle fälle ein toller text und ich finde es super, dass du darüber schreibst <33

    • Reply fashionlunch 27. April 2017 at 7:40

      Danke dir, es freut mich, dass du so denkst. Ja, ich sehe das ebenfalls so -ich denke, dass jeder Teenager immer mal Selbstmordgedanken hatte, das gehört dazu. Sich umzubringen natürlich nicht.

  • Reply Vie 2. Mai 2017 at 16:07

    Puuuh furchtbar schwieriges Thema. Ich schaue die Serie gerade selbst, bin bisher aber noch nicht so schrecklich angetan davon.
    Ich will nicht kleinreden, aber die Dinge, die ich bisher gesehen haben, waren nicht so krass in meinen Augen.
    Ich selbst wurde Jahre lang gemobbt. Wenn das schlimmste dabei ein paar unglückliche Fotos, hinterhältige Freunde und einige miese Gerüchte sind, dann kann es noch wesentlich schlimmer werden. Schlimmer sein. Lehrer die dich im Unterricht auslachen. Gehässige Kommentare wo man geht und steht. Beleidigungen die einen überall auf dem Flur verfolgen. Jungs die dich schlagen, schubsen, begrabschen und dir jegliche Sachen wegnehmen, zerstören oder einfach nur aus dem Fenster werfen, die du einmal kurz aus den Augen gelassen hast. Teamarbeit? Das Grauen. Offensichtlich gezeigte Abneigung, dass genau du nicht im Team sein sollst. Jeden Tag, jede Bus Fahrt, immer und immer wieder. Keine Freunde weit und breit.
    Was genau soll man da seinen Eltern sagen. Hey alle Menschen hassen mich offensichtlich und an mir ist offenbar etwas grundlegend falsch? Ich hoffe, dass während ich dir das unter Tränen sage, dir nicht auch plötzlich auffällt, wie furchtbar ich bin?

    Okay, okay. Ich schweife vielleicht etwas weit aus 😀 Aber in meinen Augen ist die Schuld-Frage schnell zu klären. Oftmals sind es die Lehrer, die das Mobbing sehen, aber nicht unterbinden. Jegliche Gespräche mit Lehrer, die mir aufgezwungen wurden, führten dazu, dass ich doch die Schuldige bin. Einmal wurde mir sogar gesagt, dass mein Pony Schuld sei, dass ich gemobbt werden würde. Schließlich wäre das ein Symbol dafür, dass ich mich dahinter verstehen würde…. Haha. Klar. Woran auch sonst.
    Die Mitläufer, die keine Partei ergreifen, weil sie selber Angst haben runter gemacht zu werden. Sind fast genauso schlimm. In all den Jahren kann ich dir genau die vier Momente nennen, in den sich einmal jemand für mich eingesetzt hat.
    Mich hat es verändert. Ich schaue nicht weg, wenn andere gemobbt werden. Ich setze mich für andere ein und mache den Mund auf. Ich bin nicht direkt gekränkt, wenn mich mal jemand nicht auf Anhieb mag. Mir ist das egal geworden. Aber ich finde wir sollten unsere Kinder zu so starken Persönlichkeiten erziehen, dass sie nicht wegschauen, wenn unrecht geschieht. Dass sie sich für die augenscheinlich Schwachen einsetzen und genung Selbstbewusstsein haben, um sich nicht von gehässigen Bemerkungen kränken zu lassen.

    13 Reasons why reißt für mich das Thema nur unglaublich Oberflächlich an. Abgesehen davon, sind die Zeitsprünge teilweise furchtbar nervtötend. 😀

    xx Vie
    von http://www.viejola.de

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