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Literatur: Der Kieselstein

7. Februar 2016

Eigentlich wollte sie immer nur die große Liebe finden. Groß, damit meine ich überwältigend, bunt, laut, explosionsartig, an der Grenze des Erträglichen. Und dann lernte sie jemanden kennen, obwohl sie wen hatte, den sie nicht einmal mochte. Aber geliebt hat sie ihn, das kann man sagen. Zu viel, überwältigend, bunt und laut. Aber irgendwann wurde es farbloser, die schönsten Farben verblassten, aber laut blieb es. Und es wurde lauter. Und lauter. Und nicht nur sie hörte es, sondern auch der Rest der Welt. Sie mochte ihn nicht, aber das war egal, denn Liebe, das heißt nicht automatisch, dass man jemanden mögen muss. Er war ihr fester Freund, ihr Mann, ihr Partner, aber niemals nur ihr Freund. Nur ihr Freund war er nie.

Und wenn sie sich dann abends in den Schlaf weinte, fragte sich, ob das diese Grenzen des Erträglichen sind, die sie immer wollte. Womit sie das verdient hat. Und ob er wisse, was er tut, ob er sieht, dass sie geweint hat, wieder einmal, noch immer.

Mit Steinen im Herzen und Felsen auf den Schultern schleppte sie sich durch die Tage, die sie Leben nannte. Und irgendwann, als sie sich größer fühlte als sonst, ging sie zu ihm hin und gab auf. Ganz einfach, einfach so, die schwerste Entscheidung ihres Lebens lag da, auf dem Teppich, vor die Füße geworfen, nicht von ihm aufgehoben, aber gesehen. „Ich verlasse dich“. „Okay“ sagte er, „Ich weiß“, dachte er. Und dann war es so.

Sie sortierte sich neu, aber so einfach ist das nicht. So funktioniert das nicht, selbst wenn man funktioniert, heißt das nicht, dass man lebt und man das Leben schafft. Sie lächelte, wenn sie musste, dankeschön, bitteschön, mir geht’s gut, na klar, aber klar war, dass nichts in ihrem Leben mehr so klar und einfach war, als sie noch wen an ihrer Seite hatte – den sie nicht mochte, aber liebte. Aber das war ein trauriger Grund, zurückzukehren. Und irgendwie sind es oft die Frauen, die wir auf der Straße sehen, die die größten Kriege führen – zwischen allein sein wollen und einsam sein hassen und jung aussehen und sich nicht mehr klein fühlen wollen.

Und irgendwann stand er da, einfach so. Er stellte sich zwischen sie und ihren besten Freund. Idiot. Das kann er doch nicht machen, weiß er nicht, dass sich das nicht gehört? Nein, wusste er nicht. Er wusste auch nicht, dass sie die Liebe hasste und Männer keine Freunde für sie waren und noch immer Steine auf ihr lagen, ihrem Herzen, ihren Schultern, groß und schwer und grau, grau, grau.

Er lächelte sie an und auf einmal wurde es bunt und laut und sie war überwältigt, von ihm und sich und wie das Leben eben manchmal so spielt. Sie hätte nie gedacht, dass sie noch einmal lieben wird, geschweige denn heiraten. „Mein Pinguin“ nannte er sie, nennt er sie noch immer, auch heute vielleicht, irgendwo in Deutschland.

„Wusstest du, dass Pinguine sich ihre Frau aussuchen und dann den ganzen Strand absuchen nach dem schönsten, dem perfekten Kieselstein? Und dann bringt er ihn, wenn er ihn endlich gefunden hat, zu der Dame seiner Wahl, und legt sie ihr vor die Füße. Quasi wie ein Antrag. Sie bleiben ihr Leben lang mit dem Partner ihrer Wahl zusammen.“

Und eines Tages, sie waren schon lange verheiratet, sie kannten sich mehr als ein Jahrzehnt, lag da ein Kieselstein vor ihren Füßen. Und er stand vor ihr, ohne ein Wort zu sagen. Und das war der einzige Stein in ihrem Leben, der noch zählte. Sie war leicht, mit ihm, durch ihn, sie liebte ihn, sie mochte ihn, er war ihr bester und fester Freund.

 

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4 Comments

  • Reply Alissa 7. Februar 2016 at 21:26

    <3

  • Reply Mama 7. Februar 2016 at 21:55

    Kann man gar nicht glauben, dass jemand so viel Glück hatte und das tatsächlich erlebt hat <3

  • Reply Tatjana 8. Februar 2016 at 8:58

    ich freue mich so, dass du wieder regelmäßig bloggst!
    <3

    • Reply fashionlunch 8. Februar 2016 at 14:56

      Vielen Dank <3 Ich mich auch!

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