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Literatur: Du bist mein Lieblingskleid

2. Juli 2017
Altbau Wohnung Berlin Vorhang

Ich bin mit dir verwoben, irgendwie.
Wenn du lachst, lache ich, wenn du weinst, weine ich, und das sind alles Sachen, die man immer sagt, und die meisten,  die das sagen, wissen ja gar nicht, wie sich das anfühlt.
„Du weißt ja gar nicht, wie sich das anfühlt“ sagst du mir, gebrochen, vor mir, schon wieder, und du guckst in deinen Kaffee, weil du Augenkontakt nicht ertragen kannst.
Nicht jetzt, noch nicht.
Mein Kaffee ist zu hell um die Farbe seiner Augen zu haben, aber doch denke ich an ihn.
Es tut nicht mehr weh, nur manchmal noch.
Aber das muss weh tun, sonst war es nicht echt.
Und die meisten, die das behaupten – viele tun das – wissen gar nicht, was es heißt, dass Liebe weh tut.
Ich will dir nicht „Doch, ich weiß das“ sagen, weil das bringt dir nichts.
Ein „Das geht vorbei“ sage ich dir auch nicht, das wäre eine Lüge.
Wenn es echt ist, geht es nie vorbei, man lernt nur einfach, damit umzugehen.

Liebe ist wie ein Kleiderschrank, voll von Sachen, die anders aussehen, gemacht aus allen Stoffen, und trotzdem – sie passen mir, alle. Alle Kleider sind meine, sie gehören mir und Leute kennen mich darin.
Sie erkennen mich wieder, „das steht dir“, sagen sie, „das steht dir nicht“, sagt niemand, aber denken tun sie es doch.

Spitze Weiß Unterwäsche„Er stand mir nicht mehr“, denke ich, „sie stand dir nie“ will ich dir sagen, aber das ist vielleicht nicht mein Recht.
Und du hast Recht, ich weiß vielleicht nicht, wie sich das anfühlt, denn alle leiden anders und mein Schrank ist nicht deiner.
Meiner hat nicht einmal Türen.
Ich kann ihn nicht verschließen, ich sehe ihn immer, das Innere, ich will dich nicht vergessen und doch, ich habe ein neues Lieblingskleid.
Es ist nicht mehr so düster und etwas länger ist es auch, ich hätte nicht damit gerechnet, dass es mir steht aber irgendwie war es da, teurer als der Rest, wertvoll, neu und doch vertraut.

Es riecht nach ihm.
Dieses Waschmittel verfolgt mich überall.

Hand Weiß Bett Laken
Ich spreche Kellner im Restaurant darauf an oder die Frau heute im französischen Café, Erinnerungsfluten, Fetzen, kleine Pollen im Gegenlicht im Kiez auf der anderen Seite meiner Straße, da sind wir selten, aber auf dieser Seite geht die Sonne unter und da war deine Hand viel wärmer als sonst…

„Hörst du überhaupt zu?“ fragst du mich, deine linke Hand zittert ein wenig, das macht sie manchmal, wenn du traurig bist und ich, ich hebe die Schultern, zaghaft, lasse sie fallen, kraftlos, das mache ich manchmal, wenn ich nicht weiter weiß.
Deine Verzweiflung tut mir weh und dein Lächeln splittert dir aus dem Gesicht – doch ich kann nichts tun, was dich besser fühlen lassen würde.

Bett Weiß Wäsche Laken

„Sie stand dir nicht“ sage ich, obwohl Leute das nicht sagen sollten, wer sind sie schon, wer bin ich schon, aber du zuckst zurück, als ob die das Herz ein zweites mal herausgerissen wurde.
„Das kannst du nicht so sagen“
„Ich kann sagen was ich will“
„Nett ist das nicht“
„Nett war ich nie“
„Wieso sagst du das“‚
„Wieso hast du es nicht zuerst gesagt?“
„Ich…“ – deine Hand zittert stärker.
Du schweigst und doch, ich höre, was du sagen willst.
„Ich wünschte, ich wär‘ stärker.“

„Niemand ist stark, wenn jemand dich zerbrochen hat. So funktioniert das nicht.
Liebe geht nicht nur in eine Richtung, sonst hieße sie nämlich nur „Belanglosigkeit“.“
Du schaust in deinen Kaffee und ich schaue dir dabei zu.
Ich denke an ihn und diese Pollen im Gegenlicht, weiße Laken, Sommer im Winter und den Schnee im Juli – ich denke an dich und uns zusammen, und dass es komisch ist, sich immer wieder blind zu opfern, in der Hoffnung, irgendjemand wird uns fangen.
Ich denke an mein Lieblingskleid und deinen roten Mantel, der dir doch noch immer am besten steht – den haben wir zusammen gekauft, weißt du noch?
Ich schon.
Und ja, ich denke auch an ihn.

Hand Spiegel Reflektion

Du weißt das. Das ist okay. Wir sind verwoben, irgendwie und auch du hast mich so vor dir sitzen gehabt. Verloren, in einer Bar, schon wieder betrunken, weil ich nicht wusste, in welche Arme ich rennen sollte, dabei gab es nur eine Richtung: geradeaus.

Niemanden hat rückwarts laufen voran gebracht.
Das wissen wir, aber gottverdammt, es tut so scheiße weh, manchmal.
Aber so ist die Liebe eben.
Abgedroschen, ich weiß. Niedergedroschen, schon wieder.
Unser Kaffee wird kalt aber immerhin scheint die Sonne.

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6 Comments

  • Reply Daniela 2. Juli 2017 at 20:42

    Wow, das ist wirklich ein wahnsinnig schöner Text und eine verdammt gute Metapher. Ich bin gerade ein bisschen sprachlos, weil mich deine Worte so berührt haben.

    Liebst Daniela
    Von http://cocoquestion.de

    • Reply fashionlunch 3. August 2017 at 13:55

      Ich danke dir – das ist eines der schönsten Komplimente, was man mir machen kann :*

  • Reply tatjana 5. Juli 2017 at 13:03

    Ich bin jedes mal wieder erstaunt darüber wie du es schaffst, meine Gefühle besser in Worte zu fassen, als ich selbst es jemals könnte <333

    • Reply fashionlunch 3. August 2017 at 13:55

      Was für ein wunderschöner Kommentar – ich danke dir dafür!

  • Reply Avaganza 26. Juli 2017 at 23:58

    Ein wunderschöner Text und perfekt in Worte gefasst <3!

    Liebe Grüße aus Wien
    Verena

    • Reply fashionlunch 27. Juli 2017 at 10:36

      Danke dir :*

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