LIFESTYLE LITERATUR

Literatur: Du hast mich geheilt

5. Januar 2017

„Ich rede so oft davon, dass ich dich liebe, aber niemand scheint zu verstehen, was das heißt. 
Ich war ein Wrack. Ich war nicht ich selbst und irgendwo, unter dem Teppich im Wohnzimmer vielleicht, wenn ich wieder aus Langeweile gesaugt habe, weil ich wieder aus Langeweile zuhause war, wo nicht meine Heimat war, ist ein Teil aus mir rausgebrochen und lag dort so rum, neben dem Staub und dem Spielzeug der Katze, die ich nie mochte.“


 

Ein langer Satz für Gefühle, zu stark, um sie in einem kurzen Satz zu verpacken.
All die Wände, die mich umgaben, mit all den Nägeln und all den Foltermechanismen, die man aus dem Geschichtsunterricht kennt, wenn man aufgepasst hat, denn meist passt man nicht auf, wenn es um Leid anderer geht, waren bei mir zuhause. Ich habe sie gesammelt, in mir drin, um mich herum, und überall war Blut, dabei hat es nie jemand gesehen.
Das klingt drastisch, aber so war es. Das ist die Wahrheit und die Wahrheit ist immer drastisch, endgültig, berechnend, wenn man sie zulässt, was wir nicht tun, weil sie drastisch ist, berechnend, endgültig, und Endgültigkeit wollen wir nicht, auch wenn wir all die Liebesgeschichten lesen, die von Endgültigkeit handeln und wie wir sie genießen.
Ich musste raus. Alle dachten, ich breche zusammen, mit all den Panikattacken und meiner Melancholie, die sich über mich legte wie ein dicker Teppich mit zu vielen Fusseln in einer Farbe, die mir nicht steht – dabei verwechseln die Leute einen Ausbruch zu oft mit einem Zusammenbruch. Ich habe mich vorbereitet, abgewartet, vielleicht zu lange gewartet, aber ich wusste, ich muss mich retten:
Das klingt drastisch, aber so war es. Das ist die Wahrheit und die Wahrheit ist immer drastisch und laut und ohrenbetäubend und manchmal sind die Wörter zu groß und passen nicht in den Kopf, obwohl das Herz es schon so lange weiß.


Ich liebe dein Pflaster, was mich holpern lässt, mit all den großen Rillen, durch die Geschichten aus anderen Zeiten sickern, zählflüssiges Glück und Tränen vielleicht, Paare, die sich hier getrennt haben oder gefunden, Welten von Menschen, kleine Mikrokosmen, die über mir und zu meinen Füßen zusammengebrochen sind, ich sauge alles aus, während die Stadt in mir lebt und ich weiß endlich, wie sich Heimat anfühlt und welche Farbe Sicherheit hat. Ich liebe dein Pflaster, deine Steine, du bist mein Pflaster und hast all die Steine von mir genommen.“


Ich weiß, was heißt, zu sagen, dass man angekommen ist, wenn man nicht einmal explizit einen Ort meint sondern nur sich selbst, von innen heraus, in mir drin, endlich, endlich, endlich da.
Und wenn der Frost unter meinen Füßen knirscht und knistert und alles in mir lodert, in meinem Park um die Ecke, im Winter, genau jetzt, dann merke ich, wie all der Frost knirscht und knistert und alles von mir abfällt, und ich freier bin als je zuvor, egal, wie viel Chaos in meinem Leben gerade ist.

Berlin Bötzowkiez

Ich trage viele Gefühle in mir herum, Kistenweise, gestapelt, dabei bin ich gar nicht stark genug, um all das Zeug immer mit mir rumzuschleppen. Und trotzdem habe ich etwas neues in mir entdeckt, nach und nach, zugelassen, dass es mich überrollt, ich zufriedener werde, glücklich, erfüllt. Berlin, du und all deine Menschen, neu neu neu, und all meine Gefühle, neu neu neu, hast mich ausgefüllt und all die Löcher und Risse in mir aufgegossen mit flüssigem Licht und Asphalt und zu dreckiger Luft, und doch ist alles ganz klar: Ich bin zuhause. Du bist Heimat und ich, ich bin angekommen. Endlich, Endlich, Endlich da.
Das klingt drastisch – aber so ist es.

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