LIFESTYLE LITERATUR

Literatur: Ein Leben als extrovertierter Introvert

29. Oktober 2017
Chanel kette

„extrovert introvert“ – das funktioniert im Englischen besser als im Deutschen.
Aber funktionieren tut das im Leben, hier, in echt, kaum.

Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, was falsch mit mir ist – um zum Schluss zu kommen, dass nichts mit mir falsch ist, sondern ich einfach eine komplexe Persönlichkeit habe.
„Laut“ sagen die einen, „zu still“ die anderen: doch wie kann das zusammenpassen?
Und: Wie kann jemals jemand zu mir passen?

Passen tut es nicht, aber es ist, wie es ist

Ich lache laut auf. Am lautesten von allen.
„Dich hört man immer zuerst, bevor man dich sieht“ sagt meine Freundin, „du bist die mit der lauten Stimme.“
„Du kannst es nicht ertragen, wenn du nicht im Mittelpunkt stehst“, sagen meine Feinde, „war ja klar, dass die mal bloggt“ sagen irgendwelche anderen Leute.

Portait Fashionlunch

Ich bin die Laute. Ich bin die Witzige. Ich bin die, die man anruft, wenn man feiern will. Ich bin die, die immer ein Wein mehr trinkt als der Rest.
Die, die über alle Themen reden kann.
Die, die sarkastisch ist, ironisch.
Die „hat sie das gerade wirklich getan?“.

Und wenn die Lichter ausgehen oder die Leute weggucken oder ich mit mir alleine bin, dann muss ich einmal mehr Luft holen als ihr – denn nichts strengt mich mehr an, als unter euch zu sein:
Unter allen. Unter Menschen.

Das hört sich an, als sei ich ein Alien, und ja, ich fühle mich oft so.
Ich wirke arrogant, weil ich still bin, obwohl ja alle wissen, dass ich immer lache und laut bin, wenn ich will.
Wenn ich das also nicht tue, ich, die Witzige, Lärmende, dann wirke ich sofort böse, schlecht gelaunt, gelangweilt, genervt, oder einfacher: Arrogant.
Und das macht es schwerer, immer.

Ich kann nicht still sein unter Leuten, weil ich das Gefühl habe, ich darf nicht.
Ich muss laut sein. Ich muss Witze machen.
Ich kann nicht anders. Ich würde so gerne anders.

Oh Mrs Dalloway, always giving Parties to cover the silence

Das war schon als Kind so. Ich war lieber laut als still und habe mir dabei nichts mehr als die Stille gewünscht.
Ich bin interessiert in Mode, weil ich Bücherwürmer uncool fand und ich zu den coolen Cliquen gehören wollte – und zuhause habe ich gelesen, nicht nur irgendwelche Bücher sondern einfach ALLE, in irgendwelchen ausgeleierten Bandshirts – oder uncoole Spiele am Computer gezockt. Ich wollte mit niemandem reden, nur am nächsten Tag wieder voll aufzudrehen. Schminken, hübsch anziehen: Und los!

Dieser stetige Kampf zwischen „mich interessiert, was Leute denken“ und „mich interessiert nicht, was Leute von mir denken“ hat mich ausgelaugt als Teenager. Ich war noch nicht reif genug, um in der Lage zu sein, zu differenzieren: Jetzt weiß ich, es ist wirklich egal, was Leute denken, solange du ihnen nichts schadest.

Leute nennen mich schwierig, dabei bin ich nur ehrlich.
Ich kürze Dinge ab. Ich beschönige nicht mehr und überschminke nichts:
Ich sage, was ich denke.

Nicht, weil ich knallhart bin, sondern weil ich mich selbst retten muss – denn nichts strengt mich mehr an als langgezogene und unehrliche Konversationen und Diskussionen mit anderen Menschen.

Wenn ich mich mit jemandem streite, versuche ich die emotionale Seite abzustellen. Dann bin ich: gefühlskalt, emotionslos.
Wenn ich versuche, es mit Gefühlen zu sehen, dann bin ich: hysterisch, zu laut, nicht sachlich genug.

Kurzum: Vielleicht kann ich nicht richtig fühlen. Vielleicht kann ich nicht korrekt fühlen.
Aber wer glaubt mir schon?
„Ich will meine Ruhe“ – „Tu doch nicht so, du bist doch immer die Lauteste“
„Ich würde lieber zuhause bleiben“ – „Wieso, du bist doch immer die, die am längsten bleibt! Was hast du auf einmal, bist du sauer auf mich?“
„Nein, nur müde“
„Du bist NIE müde, du gehst doch immer als Letzte…“
Ich widerspreche mir selbst, aber ich kann es nicht ändern: Extrovertierte Introverts sind ein Widerspruch in sich.

Ich sehe mich von oben, ich sehe mir zu, um durch den Tag zu kommen: Wenn ich Bilder von mir poste, sehe ich mich als jemanden, den ich zurechtmache.
Wenn ich Bilder von mir poste – Selfies, Outfits, in Unterwäsche – denke ich mir, dass das okay ist: bin ja nicht ich.
Ich bin noch immer der Nerd, der alleine nachts im Bett sitzt und liest, zu lange, um am Morgen so zerknautscht auszusehen, damit er nicht in die Schule muss. So sehe ich mich. 

Wenn ich versuche zu erklären, dass ich lieber alleine bin, nehmen Leute es persönlich.
„Du lachst mit anderen doch auch immer.“
Wenn ich versuche zu erklären, dass ein Tag mit Menschen mich so auslaugt wie ein Halbmarathon, versteht es niemand.

Aber es ist wie es ist:
Leute strengen mich an. Lachen strengt mich an. Konversationen strengen mich an. Ich strenge mich selbst an. Ich gehe auf alles ein, auf alle ein, ich will, dass alle zufrieden sind, wenn ich da bin, ich will, dass alle sich gut fühlen, dass niemand ein Problem hat, denn dann wird es auch immer meins: Ich bin ein Schwamm, ich sauge die Emotionen um mich herum auf, alle auf einmal, und am Ende des Tages wringe ich mich selber aus und liege im Bett, ausgelaugt, ausgewrungen, und nichts nichts nichts ist mehr von mir übrig.

Portrait Tara Wittwer

 

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6 Comments

  • Reply Sabi 29. Oktober 2017 at 21:07

    Wow! Toller Post, der mich schaudern lässt. Du hast da 100% auch mich beschrieben. Die, die doch für alle immer lacht.

  • Reply LisaE. 30. Oktober 2017 at 12:40

    Ich arbeiten in Sales, ich bin laut, auch gerne mal vorlaut, kann eine ganze Bar alleine unterhalten wenn es sein muss. Ich nehme Raum ein und will gehört werden. Gleichzeitig bin ich die, die immer versteht, die immer zuhört und sich austauscht und ihre Gefühle gerne und ungefiltert mit anderen teilt. Auf der anderen Seite brauch ich Tage alleine im Bett, bin fast immer müde, kann eigentlich immer wegen irgendwas heulen. Ich habe keine Ahnung vorher der Druck kommt, das sich verantwortlich-für-gute-Stimmung-fühlen, das jeder-soll-sich-von-mir-verstanden-fühlen. Meine Schwester studiert zum Glück seit einiger Zeit Psychologie, vielleicht weiß sie irgendwann die Antwort :) Ich geb das dann weiter, du bist nicht allein <3

  • Reply Sabine 1. November 2017 at 20:22

    Hey Tara!
    Nach dem, was du schilderst, bist du meiner persönlichen Ansicht nach vielleicht gar kein extrovertierter Introvert (das gibt es meines Wissens nach auch nicht, es hieße Ambivert) sondern ein Introvert oder Ambivert, der sich zu oft zu etwas zwingt, das seiner Natur nicht entspricht (was nicht heißen muss, dass dir das Lautsein keinen Spaß macht). Hast du schonmal über Hochsensibilität nachgedacht? Vielleicht bist du auch hochsensibel statt introvertiert, die „Symptome“ decken sich oft. Dann würde der Clash mit der Extraversion Sinn machen. Ich kann dir auf jeden Fall das Buch von Susan Cain empfehlen und wünsche dir, dass du – ganz abgesehen von den verschiedenen Bezeichnungen – einen Weg für dich findest, einen schöneren Alltag zu gestalten.
    xx Sabine

    • Reply fashionlunch 2. November 2017 at 15:08

      Hey liebe Sabine,

      Danke für deinen Kommentar.
      Ja, ich bin anscheinend hochsensibel, ich habe viele Kommentare dazu bekommen dass sie das bei mir vermuten und ihr alle hattet recht, haha…

      Ich danke dir und wünsch dir noch einen schönen Tag :)

  • Reply Lifestyle: Diese 8 Dinge mache ich im Herbst am liebsten - FASHIONLUNCH 2. November 2017 at 18:03

    […] mir oft die klare Luft und die Ruhe, wenn ich sie brauche. Vor alle, seitdem ihr wisst, dass ich ein „extrovertierter Introvert“ […]

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