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Literatur: Fashion Week Recap – so war die Fashionweek

10. Juli 2017
gucci marmont

SIE:
Die Fashion Week steht vor der Tür und ich bin schon ganz aufgeregt, welche Kollektionen mich dieses Jahr erwarten werden. Ich liebe die Modewoche – alle sind bunt gekleidet, experimentieren herum, holen das Beste aus sich raus und haben Spaß, an dem, was sie tun. Mode verbindet Menschen und die Fashion Week ist jedes halbe Jahr immer wie ein Familientreffen. Glitter, Glamour – zwei Mal im Jahr darf man, oder? Ich liebe es, wenn die Leute meine ausgefallenen Outfits begutachten. Ich will anders sein als sonst, anders als sie und eigentlich auch endlich, einfach, vielleicht: anders als ich selbst.

Gucci Marmont Belt Outfit

ER:

Die Modewoche steht vor der Tür. Die Straßen sind voll von Parties und diesen jungen Leuten, die sich bunt anziehen. Sie scheinen Spaß zu haben und das Geld zu verprassen. Sie können ja nicht wissen, dass es schnell gehen kann. Dass man manchmal kein Geld mehr hat, um es zu verprassen. Aber so sind die Leute. Ich würde es vielleicht auch so tun. Niemand beachtet mich. Das ist gut. Ich mag es nicht, wenn die Leute mich angucken. Ich bin nicht anders als sie.

bank schwarz weiß

SIE:
Die Shows ziehen mich in ihren Bann, aber was ich wirklich liebe sind die Parties. Hier kann man sich am besten connecten – hier lernt man Leute kennen, die man kennenlernen und kennen muss, good to know, better to be, ich bin was Besseres in dieser Woche, vielleicht fühle ich mich so, ich fühle mich teuer und ich rieche gut: Mein Parfüm ist neu, damit ich Komplimente dafür bekomme, wenn ich draußen stehe bei den Parties, da kriegt man all das Vitamin B.
Ich rauche zwar nicht mehr, aber trotzdem  stehe ich dabei.

ER:
Die Leute springen hektisch aus den Taxen, ich bin auch mal Taxi gefahren. Ich weiß noch, die jungen Dinger waren immer so glücklich und haben gelacht und so, so, so… von diesen ganzen Designern erzählt, ich kenne mich da nicht so aus, aber hübsch sahen sie immer aus. So jung irgendwie, hinter all der Schminke, manchmal noch Kinder – aber hübsch, sie gaben sich Mühe. Es ist schön, wenn Menschen sich die Mühe geben. Sie alle wollen etwas werden, sie alle wollen nicht nichts sein, wie ich, wie ich.
Ich suche draußen nach Zigarettenstummeln, ich kann es mir nicht leisten nicht zu rauchen, irgendwas muss ja Spaß machen, ich fühle mich verwegen mit einer Zigarette im Mund, auch wenn ich nicht weiß, welchem Mund sie gehörte, davor. Ich nehme gerne die mit Lippenstift dran – nicht, weil ich krank bin, sondern  weil ich weiß, dass nur gepflegte Frauen, die vor den Parties stehen und rauchen, Lippenstift tragen. Die haben meist keine Krankheiten, denke ich. Die sind sauber. Ich nicht. Aber ich bin nicht krank. Ich bin, ich bin, nicht krank.

SIE:
Ich bin ganz schön müde, aber „The Show must go on!“
Aufgeben ist nicht, egal, wie müde ich bin! Die ganzen Parties sind anstrengend und wenn ich ehrlich bin, habe ich ein wenig Muskelkater vom Tragen der Goodie Bags, aber ich will mich nicht beschweren, andere kriegen solche Geschenke nicht, das weiß ich. Und meist sind wirklich coole Sachen drin. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich etwas geschenkt bekomme und sehe es nicht als selbstverständlich an.
Ich ziehe mich an, aber ich hoffe nicht, dass mir heute Nacht kalt wird, es wurde Regen angesagt – zumindest sitzt meine Unterwäsche. Wer weiß, wo ich heute Nacht schlafen werde, das weiß man bei der Fashion Week ja nie so genau…

ER:
Ich bin ganz schön müde, aber aufgeben kann ich nicht. Ich habe meine Kumpels auf der Straße, wir sehen uns manchmal und wir mögen uns. Ich weiß nicht, wie sie heißen, aber was sind Namen in einer Welt der Anonymität und Gleichgültigkeit. Ich bin zu alt, um jung auszusehen und sobald man nicht mehr jung aussieht, erweckt man kaum noch Mitleid. Aber ich will kein Mitleid. Ich will keine Hilfe. Ich sehe nicht so aus, aber ich habe stolz. Ich bin stolz. Auf was? Auf mich. Ich atme noch. Nicht alle haben das gemacht, aber ich bin noch hier. Auch wenn ich nicht weiß, wo ich heute Nacht schlafen werde, das weiß man bei der Fashion Week ja nie so genau…die Polizei ist dann besonders streng, Penner sind nicht gerne gesehen in der Stadt, die Glamour ausströmt – wenigstens für diese eine Woche.

Mann obdachlos

SIE:
Ich sehe heute besonders gut aus. Das muss ich zugeben.
Wir, meine Freundin und ich, stehen vor einem Club. drinnen sind zu viele Leute, zu viel nackte Haut, zu viel blond, doch auch ich gehöre dazu, meine Tasche war teuer, muss ich zugeben. Wenn ich sie trage fühle ich mich besonders. Dass ich darauf gespart habe  gebe ich nicht zu, das wäre alles andere als très chic. Geld hat man oder nicht.
Ich rege mich tierisch auf, ich habe 9,50€ für meinen Wein zahlen müssen, dabei sind die Cocktails umsonst. Aber ich mag keinen Schnaps. Aber ist das fair? Für Wein so viel bezahlen zu müssen? Sowas kotzt mich an.
Eine Stimme, irgendwo unter mir, ein „Entschuldigung“, „Ja, wird ja auch Zeit“, denke ich mir, „das ist eine Frechheit, bei so etwas so eine horrende Summe zahlen zu müssen, überhaupt, der Wein schmeckt gar nicht wie ein Chardon..“
Neben mir steht ein Mann, vielleicht krank, vielleicht alt, er weiß nicht, was er sagen soll, um zu erklären, ,was offensichtlich ist: Er möchte da hin, wo ich stehe, weil direkt unter mir eine leere Glasflasche liegt und die 8 Cent, diese 8 Cent braucht er, um leben zu dürfen.
Ich schlucke. Alles herunter. Diesen scheiß überteuerten Wein, der nicht schmeckt, den Frust, die Ungerechtigkeit und die Tränen, die irgendwoher kommen, von tief unten, unter mir steht er noch immer, ich gehe nicht weg, ich will ihm Geld  geben aber ist das peinlich für ihn, das wäre arrogant, wie soll ich reagieren, ich will ihm helfen, „ICH BIN NICHT SO WIE DIE!“ will ich ihm sagen, „Bitte, ich will dir helfen“, will ich ihm sagen, „Was kann ich tun, damit es dir besser geht“, will ich ihm sagen, „Willst du was essen?“ will ich ihn fragen und doch, ich will nicht komisch wirken, vielleicht wird er böse, vielleicht denkt er, ich mache mich über ihn lustig oder ich meine es nicht ernst – mein Eis knackt, der Wein ist zu warm, mein Herz knackt, der Mann ist zu alt um jung zu  sein, wer er wohl war?
Und ich, und ich, ich bin verloren und ich hasse die Welt, in der ich lebe. Das ist ein schrecklicher Abend.

Outfit Fashion Week Gucci

ER:
Ich habe nichts mehr. Nichts. Außer Hunger.
Ich muss losziehen. Ich weiß, die Straßen sind voll, heute sind immer die meisten Parties und dafür muss ich nach Mitte. Ich habe Angst, ich möchte nicht schlecht behandelt werden, das werde ich, weil ich dreckig aussehe. Aber duschen ist nicht so einfach, wenn man obdachlos ist, das Freibad kostet Geld und nur, weil ich nicht sauber bin, denken die Leute direkt, ich bin eine Bedrohung für ihre Kinder oder so…ich schäme mich vor mir selbst. Ich weiß, wie ich aussehe. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mal aussah.
Zwei junge Frauen stehen etwas abseits, die eine spricht zu laut und gestikuliert, irgendwas mit schlechtem Wein, wie war das noch, „Wein auf Bier, das rat‘ ich dir…“ – ah, Bier! Da liegt eine Flasche! 8 Cent mehr für mich, ich freue mich wirklich, aber sie steht da und ist so groß und laut und ich…
„Entschuldigung?“ traue ich mich zu sagen, fragen, es tut mir leid, ich möchte nur die Flasche, ihre Augen weiten sich, hoffentlich brüllt sie mich nicht an, ich will sie nicht anfassen oder so, das denken sie oft, ich tue doch nichts…
Sie sagt nichts.
Sie guckt mich nur an.
Ich bedanke mich und gehe weiter.
8 Cent mehr.
Sie guckt, ich fühle ihren Blick in meinem Rücken.
Sie sah aus, als wollte sie etwas sagen, aber was schon, mit wem schon, mit mir?
Wer bin ich, wer ist sie, wer sie wohl ist?
8 Cent mehr. Das ist ein guter Abend.

 

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7 Comments

  • Reply Bianca 11. Juli 2017 at 0:51

    Wow! Ein unglaublich berührender Text! Danke dass du dieses Thema ansprichst um das sich vermutlich nur wenige Gedanken machen. Vielleicht schaffst du es mit diesem Text bei einigen den Blickwinkel zu ändern. Wirklich toll geschrieben ?

    • Reply fashionlunch 11. Juli 2017 at 8:50

      Danke dir! Es freut mich sehr, dass dir diese Art der Berichterstattung gefällt.

  • Reply ally 11. Juli 2017 at 12:39

    Schön, Tara.
    Die Gefühle sind nun aufgewirbelt, soll ich einen Kaffee trinken oder mich umbringen?
    A.

    • Reply fashionlunch 11. Juli 2017 at 16:10

      Kaffee reicht.

  • Reply tatjana 18. Juli 2017 at 13:39

    das ging so richtig unter die haut, tara!<3

  • Reply Marie 27. Juli 2017 at 20:00

    Sehr schöner Text. Ich mag solche Sichten aus „Er“ und „Sie“ gerne lesen, denn die Meinungen sind oft sehr unterschiedlich. Übrigens: Super toller Look!

    • Reply fashionlunch 28. Juli 2017 at 11:24

      Danke dir – ja genau, ich wollte das einfach mal aufzeigen :)

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