LIFESTYLE LITERATUR

Literatur: Feiert nicht die Selbstverständlichkeit

8. März 2017
IMG_5598

Heute ist der internationale Tag der Frauen. Kurz: Weltfrauentag. Kurz: ein Tag wie jeder andere. So wie Valentinstag, Blowjob und Schnitzel Tag, Vatertag, Muttertag. Natürlich ist es schön, Dinge an bestimmten Tagen zu ehren (ich bin der größte Fan von Geburtstagen überhaupt!), aber nicht, wenn man das mit dem obligatorischen Strauß Blumen macht und gut ist.
Nein, es gibt kein „…und gut ist“, wenn noch zu wenig da ist, um es als „gut“ bezeichnen zu können.
Gut ist nicht, dass Frauen im Schnitt 20% weniger verdienen.
Gut ist nicht, dass Frauen 8 Jahre NACH der ersten Mondlandung ohne Erlaubnis ihres Mannes alles durften.
Und gut ist auch nicht, dass wir ein paar Blumen bekommen, wie immer, und das soll uns dann glücklich machen.
Muss es sogar.
Vielen Dank für die Blumen, vielen Dank, wie lieb von dir…Danke, dass du mich als Frau schätzt und mir deswegen Blumen schenkst. Oder Schokolade. Oder Schuhe. Oder, wenn du uns besonders gerne magst, eine Kette oder Tasche.
Versteht mich nicht falsch, ich mag das alles. Aber ich brauche es nicht an zwei Tagen im Jahr, wenn mich sonst niemand ernst nimmt. Das Problem für mich besteht vor allem darin, dass wir andauernd erwähnen müssen, dass wir für etwas sind, was selbstverständlich sein sollte:

Es gibt einen Namen für Leute, die für Gleichberechtigung der Frauen sind.
Es werden Leute öffentlich gefeiert, wenn sie sich outen.
Es werden Frauen in den Himmel gelobt, wenn sie sich dazu entschließen, sich nicht mehr zu rasieren.
Und all diese Dinge, die selbstverständlich sind in unserer Zeit, werden durch das ständige Betonen und Unterstreichen zu etwas Besonderem gemacht – dabei sollte es doch ganz normal sein, dass ich genauso beachtet und geschätzt werde wie ein Mann, dass es meine verdammte Entscheidung ist, was ich mit meinem Körper mache oder wen ich heute oder morgen oder immer liebe.

Generell bin ich gegen alles, was radikal ist. Jemanden, der etwas radikal gut oder schlecht findet. Schwarz und weiß in all den Grautönen, keine 50 Shades of Grey, sondern direkt 500.
(Aber wo wir gerade dabei sind: 50 Shades of Grey, der Kassenschlager überhaupt, ist wahrscheinlich das Frauenverachtenste, was je produziert wurde. Und, ein Wunder, alle Frauen rennen rein und finden es soooo romantisch.)
Alle Menschen, die sich einer Sache komplett verschreiben, schaffen es nicht, sachlich zu bleiben und schaden dem ganzen noch mehr. Veganer, die nicht so penetrant missionieren würden, würden viel mehr erreichen. Feministen, die Hausfrauen und Mütter nicht bekehren wollen, alles hinzuschmeißen, um die Welt zu regieren – am besten oben ohne und mit viel Achselhaaren – würden vielleicht mehr erreichen.
Leider ist es oftmals das Gegenteil: Je stärker gebrüllt wird, desto eher schaltet man auf Durchzug.
Und überhaupt, ist es nicht genau das, was Frauenrechte ausmacht? Ich habe das Recht, eine Frau zu sein. Ich habe das Recht, zu sein, wer ich sein will. Das kann Kaiserin sein, das kann bei der Bundeswehr sein, das kann aber auch Hausfrau und Mutter mit lackierten Nägeln blondierten Haaren sein, weil ich nicht mehr will, als meinem Mann gefallen und für die Kinder da zu sein.
Das kann auch sein, dass ich auf einem Plakat zu sehen bin, in Unterwäsche, weil ich dazu stehe.

Wie die sinnlose Debatte um Emma Watson: Emma Watson, Vorzeigefeministin, aber keine missionierende „ich darf jetzt aber nichts sexualisierendes mehr tun, um ernstgenommen zu werden“-Feministin, zeigt ihre Brüste. Und wird dafür von Feministen aller Welt gescholten – denn, achtung, Fun Fact: Emma Watson darf keine Feministin sein und gleichzeitig Brüste haben. Und zeigen. Und zeigen wollen.

Aber genau darum geht es doch: Feminismus. Frauen, die sich stark machen für Frauen. Eine Wahl haben. In allem. Und wenn ich Bock habe, mich nackt zu zeigen, dann mache ich das. Und wenn ich Bock habe, Hausfrau zu sein, dann mache ich das. Und wenn ich Bock habe, für andere Frauen zu kämpfen, dann mache ich das. Ich mache alles was ich will und das Land, in dem ich lebe, erlaubt es mir.
Und das ist einfach so. Das muss man nicht andauernd erwähnen, um die Besonderheit aufzuzeigen. Es ist nichts besonderes, weil es nichts besonderes sein darf. Nicht mehr. Es sollte Alltag sein. So sein, wie es ist.
Weil so ist es eben.
Und das ist gut so.

Ich möchte, dass es endlich Normalität wird, dass wir gleichberechtigt sind. Und dass wir uns aussuchen, wen wir lieben. Und dass alle Hautfarben zwar unterschiedlich sind, die Menschen aber nicht. Und dazu müssen wir damit beginnen, damit aufzuhören, es andauernd und immer wieder zu erwähnen.
Wenn mein Kind später den Drang hat, sich zu outen, werde ich mich schlecht fühlen.
Dann habe ich es nicht geschafft, das zu vermitteln, was ich denke:
Sag mir nicht, dass du jemanden deines Geschlechts datest, sondern sag mir einfach, wen du liebst. Wie die Person aussieht, ist mir egal.
Hauptsache, du liebst. Und wirst zurückgeliebt.
Und bist du und zufrieden damit.

You Might Also Like

1 Comment

  • Reply Elli 5. April 2017 at 11:22

    Hey, ich lese deine Texte gerne, dass liegt zum Einen an dem schönen Schreibstil aber auch daran, das sie so unglaublich viel Tiefe haben. Es gibt so viele Zeilen in denen man sich selbst wieder findet und die einen zum Nachdenken anregen einfach weil sie so viel Platz zum selbst interpretieren lassen. Gleichzeitig bringst du Sachen aber auch so klar und schön auf den Punkt wie z.B. in diesemText.
    Ich wünsche dir für deinen weiteren Lebensweg viel Erfolg, Glück, und Zufriedenheit.
    Liebe Grüße

  • Leave a Reply