LIFESTYLE LITERATUR

Literatur: Flieder und wir

1. Mai 2017

Und dann ist da dieses eine Gefühl von „das kenn ich doch“ und „weißt du noch“ und du weißt das noch, damals, als wir barfuß waren und der Mai noch Mai war, 26 Grad, und Flieder überall.
Ein Geruch, der ein Zuhause ist, und mich da hin bringt, wo ich mich sicher gefühlt habe.

„Bei dir, bei dir, bei dir war zuhause, in deinen Armen irgendwo, in der Kuhle zwischen deinem Hals und deiner Schulter, diese kleine Einkerbung, die immer nach Wäsche roch, nach weißen Laken im Wind, irgendwann und irgendwo als der Mai noch Mai war und wir noch zusammen, glücklich.“

Zuhause.  Zuhause ist ein Wort und ein Gefühl und ein Geruch, aber meist eine Person, irgendwas von früher, ein Schlüssel, der passt, eine Hand, die in meine passt, und unser Lachen passt zusammen, wenn du mich gekitzelt hast und ich gesagt habe „Stop, hör auf“ und du wusstest, das stimmt ja gar nicht, ich will das so.

Und da ist das dieses Gefühl von „das kenn ich noch“, aber niemand neben mir, den ich fragen kann „weißt du noch“, weil wir uns irgendwo, wir, die Einheit, verloren haben, vielleicht weil du zu viel getrunken hast und ich zu wenig gefragt, oder weil du mich retten wolltest und deswegen gegangen bist, mit mir oder ohne mich, ich kann mich nicht erinnern, wieso ich auf einmal alleine hier stehe, in einer Stadt ohne dich – und der Flieder blüht trotzdem noch, jedes Jahr aufs Neue, obwohl wir gar nicht mehr da sind, zusammen, in diesem Garten im Mai oder August, wenn die Atmosphäre voll von Froschlaich und Kinderlachen und Katzenschnurren und Grasflecken an den Knien war.

Wenn man auf dem Rücken liegt und Lieder summt, die ich von dir kenne, weil es drinnen zu laut ist, Summerteeth, Night Swimming, aber unser Teich war zu klein, um darin zu schwimmen, aber groß genug, dass du mir alles erklären konntest, was darin gelebt hat.
Ich habe von der Vegetation gelernt, 4 Grad im Herbst, der See kippt um, Selbstreinigung, etwas Neues, und ein neues Leben war das einzige, was auch ich mir nicht gewünscht habe, damals, heute noch, immer noch manchmal, wenn auch ich umkippe.

„Flieder erinnert mich an uns. Kleine Knospen in bunten Farben und der Geruch, wie ich lachend auf dem Rasenmäher sitze, als alles einfach war und Sepiafarben, als Bücher es nicht hätten schöner schreiben können, als drinnen noch Musik war und alles Gold und Warm und Gold wert und Hände in meine gepasst haben und deine Kuhle im Hals mir gehört hat.
Das macht die Zeit manchmal. Sie spielt einem Streiche und erzählt dir, dass etwas schöner war. Oder nicht so schlimm. Oder beides, vielleicht, gleichzeitig, irgendwie so, dass es Sinn ergibt.“

Manchmal, wenn ich den Flieder rieche und an uns denke, frage ich mich, wie es Sinn ergeben hätte, mit uns, zwei, drei, wir alle und ob wir irgendwann wieder Heimat sind, und dann ist mir auch egal, ob im Mai oder Dezember, so lange deine Hand wieder in meine passt oder meine in deine und wir zusammen passen, einfach so, weil wir das wollen und einfach so, weil wir uns brauchen und auf jeden Fall so, weil wir uns brauchen wollen.

 

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