LIFESTYLE

Literatur: Ich bin ein See und du suchst das Meer

9. Dezember 2017

Du hältst meine Hand und fragst dich währenddessen, welcher Nagellack besser an mir aussehen würde – das weiß ich nicht, aber ich denke es mir, denn so ist das zwischen uns seit neuestem.

Du magst mich, wie ich bin – wenn ich ein bisschen anders wäre.
Meine Haare wären schön, wären sie kürzer.
Würde ich andere Parties mögen, wäre ich sicher besser.
Und das, was ich schreibe, wäre gut – wäre es origineller.

Du stellst mich in Frage und ich weiß keine Antwort, du hast Antworten und ich die Frage verpasst und das einzige, was ich mich frage, ist, wieso du meine Hand hältst, noch immer, wenn du doch eigentlich aufstehen solltest um die Person zu suchen, die du nicht in mir finden wirst.

Und wir wissen beide, oder ich, vielleicht du auch, dass ich anders bin als die, die du willst und mich ändern will, für dich, doch es nicht kann, denn wer wäre ich denn dann noch, wenn ich mich auf halber Strecke verlaufe?

Ich will mich nicht verlieren und ich will dich nicht verlieren doch am Ende habe ich dann niemanden mehr von uns beiden..und dann?

Du willst alles planen und hast geplant, dass ich noch jemand werde, den du endlich lieben könntest.
Du willst mich planen und umbauen und umstrukturieren und deine Küche wurde dein Schlafzimmer und deine Freundin jemand anderes als deine Frau.
Du bist der Architekt deines Lebens und planst auch an mir herum – und ich komme nicht hinterher, denn das, was heute gilt, ist morgen wieder out.
Ich bin ein Altbau und du willst mich mit Beton übergießen, nur um danach wieder Dielen zu verlegen, die quietschen, wenn man rübergeht und sich nach Heimat anfühlen.
Ich bin ein Alptraum, heute, und morgen schläfst du besser und träumst mich auch gerne am Tag.

Ich soll anders sein aber du weißt nicht wie.
Ich soll so bleiben wie ich bin, aber nicht so.
Ich soll das Meer sein, aber du denkst,
ich bin ein Tümpel,
ich soll mehr sein, aber doch

– ich bin zu wenig.

Du redest mit mir über Dinge, die mir nicht wichtig sind, weil du denkst, dass sie mir wichtig sind und ich fühle mich schuldig, dass sie mir wichtig sind oder nicht wichtig sind, ich weiß gar nicht mehr, wie es richtig geht: wie kann ich endlich richtig sein?

Wie kann ich sein wie du willst, wie schaffe ich, dass du mir glaubst und wie kann ich stark genug werden für all die Streitereien nachts um 02:43, wenn ich zusammenbreche und schreie, dass ich nicht mehr kann und du schreist, dass du mich nie richtig kanntest und ich dich immer nur enttäusche?

Und während ich mich das frage ziehe ich meine Hand zurück und stelle fest, dass ich meinen Nagellack mag.Dass es vielleicht jemanden gibt, der nicht zu einem See gefahren ist und das Meer erwartet hat sondern einfach nur den See an sich und kein Salz auf der Haut braucht sondern – mich.

 

 

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2 Comments

  • Reply Hannah 14. Dezember 2017 at 13:45

    Ganz ganz zauberschön geschrieben, danke liebe Tara für deine Worte, die sich vertraut und irgendwie heilend anfühlen. Liebst, Hannah

  • Reply tatjana 20. Dezember 2017 at 11:37

    das ging so richtig unter die haut! <333

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