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Literatur: In den Gassen von Mâcon

1. Oktober 2017
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Ich schlendere durch die Gassen von Frankreich und ich finde alles schön.
Ohne, dass es schön ist, denke ich, dass das, hier, jetzt, so schön ist, dass ich mich am liebsten auf diesen dreckigen Straßenrand setzen will, um zu weinen.

Die Wucht meiner Gefühle, die hinter irgendwelchen verklinkerten, gemauerten, heruntergekommenen und vollkommen verkommenen Ecken hervorkommen, nur um mich zu attackieren, reißt mich nieder.

Ich liege japsend am Boden, irgendwo, und doch: ich stehe hier und lächle bloß und sage nichts außer „schön hier“, während alles in mir schreit. Ich finde alles schön und sage es und ertrage es nicht.

Die Mauern sind sonnengewärmt und voller Risse der letzten Jahre. Es wäre theatralisch, würde ich behaupten, ich identifiziere mich damit, doch es zu verneinen wäre eine Lüge.
Ich habe keine Risse, weil ich gerissen bin, sondern weil die Emotionen, die ich habe, mich aufreiben wie Sandpapier. Ich fühle mich wund, die ganze Zeit, aufgerieben und weitergetrieben von mir selbst.

Outfit Mâcon Frankreich

Ich kann nicht normal fühlen.
Meine Gefühle schwappen über – irgendjemand hat nie gelernt, das Gefäß meiner selbst korrekt zu füllen. Entweder es ist zu wenig oder zu viel. Es ist nie halbvoll oder halbleer, der Trick der Psychologen funktioniert bei mir nicht, es ist zu viel, es ist zu viel, es ist zu viel von mir da.

Und dann warst da du und mehr als der Rest und alles wurde einfacher, und alles wurde schwerer.

Wenn ich sage „deine Hand ist warm“ dann heißt es, dass meine Arme schwer werden, heiß, warm, kribbelnd, weil die Gefühle für dich über mich herspülen, mich wegspülen und zurückholen. Ein Blick von dir und – du weißt, ich bin keine Romantikerin, das ist nichts für mich – ich werde verletzlich.

Das Wasser um mich herum bist du, du umarmst mich, du hältst mich fest und trägst mich: aber du, du reißt mich nieder und ertränkst mich, und kurz bevor ich keine Luft mehr kriege und ich weiß „das war es jetzt“ und loslasse, spüre ich deine Hand,
denn du lässt mich nicht los – und wenn ich wieder auftauche scheint die Sonne, als sei nichts gewesen.

Ich kann nicht normal fühlen und doch, ich versuche es.

Aber es ist ein einsames Leben, zu wissen, dass man mehr liebt als der andere – immer.
Dass man sich verstanden fühlt und das eigentlich nur bedeutet, dass jemand dich mehr versteht als andere – aber nie alles.
Es ist eine stumme Welt, wenn du dich erklären willst, aber es noch nicht die passenden Worte gibt, geschweige denn eine Sprache.

Es ist dunkel hier unten oder oben oder wo auch immer ich bin (oder wer, ja, wer eigentlich?), wenn man weiß, dass niemand je so für dich brennen würde wie du es für alle tust.
Es tut weh, wenn niemand deine Brandwunden heilt, da niemand sieht, wie du in Flammen stehst oder gehst oder rennst, für jemanden, zu jemanden hin, vor allem weg.
Und auch, wenn du das Wasser um mich herum bist, heißt es nicht, dass du mich löschen kannst – höchstens auslöschen.

Straße in Mâcon in Südfrankreich

Ein „ich liebe dich“, hier im Halbdunkeln, ist zwar ehrlich, aber nie das, was ich meine, für dich – du hast eine Idee, aber keine Ahnung.
Du hast eine Vorstellung, aber du kannst es dir nicht vorstellen.
Wenn du weißt, dass ich dich liebe, weißt du, ich bin ehrlich – aber du erkennst nicht, was Liebe für mich ist.

Und während du das all nicht siehst, sehe ich schon weiter:
liebst du mich? Kann mich jemand lieben, wenn er mich nicht versteht?
Liebst du, wie ich dich liebe?
Liebst du, wie ich dich anschaue, während du durch mich hindurchsiehst?
Liebst du die Person, die ich in dir sehe, aber nicht die Person, die du ansiehst?
Liebst du den Mann, den ich in dir sehe aber nicht die Frau – mich – die in sieht?
Und geht das überhaupt alles?
Und während ich das alles nicht weiß, weiß ich nicht weiter: weiter wie bisher?

Wohin soll das führen und wann fühle ich nicht mehr so viel, dass ich zusammenbreche, in mir drin, in den kleinen Gassen Frankreichs, durch ein kleines Lächeln oder eine kleine Berührung, deine Mimik, die mich zerreißen lässt wie Papier, zerbersten wie die alten Türen dieser Gassen, die nirgendwohin führen, doch wo trotzdem jemand wohnt und das sein „Zuhause“ nennt.

Ich nenne dich mein Zuhause und vielleicht führt das hier nirgendwohin, weil du nicht weißt, was mein „ich liebe dich“ bedeutet – und wenn du sagst „ich auch“, dann glaube ich dir nicht, und wenn du sagst „ich fühle nicht wie du“, dann glaube ich dir, denn dann, das erste mal, denke ich, du hast verstanden, was ich fühle und erkannt, dass es zu viel ist.
Es ist zu viel, es ist zu viel, es ist zu viel von mir da.

Tanzen in den Gassen von Mâcon

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1 Comment

  • Reply tatjana 11. Oktober 2017 at 15:44

    so emotional und unfassbar toll dieser text…. Gänsehaut pur! <3

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