LIFESTYLE

Literatur: Inbetweenie – zwischen den Beurteilungen

29. April 2017

Ich bin wie fast alle Frauen – das zu sagen ist schon etwas, was viele Leute geschockt aufatmen lässt.
In Zeiten der „ich bin aber ganz anders als der Rest“ Instagram-Barbies, die doch am Ende alle gleich aussehen (wollen), weil sie denken, dass sie nur dann schön sind, wenn sie aussehen wie alle, ist dieses Geständnis natürlich verheerend.

Und umso wichtiger: Ich trage Größe 40 und fühle mich pudelwohl.
Ich esse gerne und trinke gerne, ohne alles zu zählen, ohne mich zu kontrollieren, ohne mich einzuschränken, ohne mich zu beschränken.
Sport und ich sind wie alte Bekannte aus dem Abi-Jahrgang, die man einmal im Jahr auf einen Kaffee trifft und wo man nach dem Treffen weiß, wieso man sich nur einmal im Jahr trifft.
Es ist irgendwie wichtig für das Selbstwertgefühl und ganz nett an sich, doch man fragt sich  am Ende doch alle 10 Min, wann es vorbei ist und legitim, zu gehen.
body positivity blog
Ich bin einfach kein sportlicher Mensch und auch niemand, der sich gerne einschränken will.
Ich möchte nicht an einem Samstag Abend sagen müssen, dass ich heute aber nicht spontan essen gehen kann, weil ich am Freitag schon Pizza hatte.
Ich möchte nicht 7 Säfte in 2 Tagen in mich reinkippen, in der Hoffnung, bis zum Freitag, wo ich ein Blind Date habe, 4 kg abzunehmen, um dünn genug zu sein, um mich selbst zu mögen oder attraktiv genug für einen Fremden aus dem Internet zu sein, von dem ich in erster Linie hoffe, dass er mich nicht absticht.

„Ich möchte mich nicht unter verschiedenen Bedingungen schön finden, sondern immer.
Ich möchte nicht sagen müssen „Ich war schön, als…“ sondern „Ich bin schön, weil…“
Ich möchte mich im Spiegel anschauen und denken „Ich kann jeden Kampf gewinnen“ anstatt den nächsten Kampf gegen mich selbst zu planen.“

Sich selbst zu lieben ist wichtig und wird uns ständig gepredigt – in jedem Frauenmagazin, gleich hinter den perfekten Abnehmtricks und vor den Tortenrezepten für jede Familienfeier.
Allerdings wird es so oft erwähnt, als ob es keine Selbstverständlichkeit ist – wisst ihr, was ich meine?
Dieses sich ständige einreden müssen, dass etwas super und wichtig ist, damit wir es auch ja glauben.
Diese Doppelmoral, die uns nur verwirrt anstatt mutig zurücklässt: Ja, wie? Soll ich mich nun selbst lieben oder endlich abnehmen und bin ich jetzt Plussize oder Untergewicht oder Normal und was heißt hier eigentlich „Normal“?
Body Positivity„Normal“ darf man nicht mehr sagen, weil es gleichzeitig bedeutet, dass alles andere, was nicht normal ist, aus der Norm fällt und somit irgendwie komisch wird. Das heißt aber auch, dass 80% der Frauen, die die selbe Größe tragen wie ich, keinen Namen mehr haben – während Plussize und Size Zero gefeiert / gehasst wird (je nachdem was gerade im Trend ist und gut ankommt im Internet) heißt der Rest: gar nicht.

Irgendjemand sagte dann mal „Inbetweenie“ – also „Dazwischen“. Zwischen dick und dünn und schlank und fett und irgendwie „normal“, nur dass alles andere nicht annormal ist / sein soll / sein darf.

„Und auf der Suche nach dem perfekten Namen für uns, vergessen wir, dass es eigentlich völlig unwichtig ist, wie was heißt, wie es aussieht oder wie andere das jetzt eigentlich sehen – wichtig ist, und ja, klingt schnulzig, aber ja, ich meine es ernst: Dass wir selbst aufstehen und uns angucken und die Hose zwickt und wir uns denken: „Ok, ich muss wirklich abnehmen“  – aber nicht, weil Magazin XY das sagt, sondern weil wir das unserem Spiegelbild sagen (damit es endlich mal zuhört und leise ist, wenn man abends überlegt, ob man das zweite Eis wirklich noch braucht). Aber wenn wir das zweite Eis brauchen, dann ess‘ ich eben das verdammte zweite Eis!“

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Inbetweenie – Beurteilung oder Verurteilung?

Ich bin ein Inbetweenie und froh darüber. Das heißt nicht, dass ich nicht auch gerne dünner wäre, aber ich bin eben einfach gerne so, wie ich bin, jetzt gerade, wo ich bin. Und genau das ist das,  was für mich „Body Positivity“ ist. Nicht jeden Tag denken, wie gut man aussieht, wie sehr man sich gefällt, sondern einfach, dass es so ist. Dass man keinen Krieg gegen sich oder seinen Körper führen sollte, nur weil man nicht so aussieht, wie die in den Magazinen – glaubt mir, selbst die in den Magazinen sehen nicht aus wie die in den Magazinen.
Generell sollte man sich selbst nicht als einen Feind ansehen, sondern als Freund.
Wer wird dir je ein besserer Freund sein als du selbst? Wer ist da, am Ende, oder mittendrin? Es ist ein wenig hart, wenn ich das sage, aber jeder Mensch ist eine Insel und jeder stirbt für sich allein – und am besten ist es dann, wenn du dein Freund bist.body positivity bh
Wir suchen und suchen und suchen nach der Liebe und vergessen dabei, uns selbst zu lieben, weil irgendeine Lisa oder Lena oder Laura in der 6. Klasse zu uns gesagt hat, dass wir „voll arrogant und eingebildet!“ sind, nur weil wir nicht verstanden haben, dass man sein Licht kontinuierlich unter den Scheffel stellen muss.
Wie oft habe ich die Einleitung „Das soll jetzt nicht arrogant sein, aber…“ gehört.
Und dann kommt ein so zögerliches Kompliment an einen Selbst, dass es eigentlich schon gar kein Kompliment mehr ist – „Das soll jetzt nicht arrogant sein, aber manchmal, wenn das Licht gut fällt an einem Donnerstag im Mai, aber auch zuletzt vor 7 Jahren, da finde ich vielleicht meine Haare, die aber eigentlich nicht ich mache sondern mein Friseur, nicht gänzlich hässlich.“

„Stop.
„Ich finde mich schön. Meine Haare sind super. Meine Beine auch. Ich hab mega Cellulite aber who the fuck cares, dafür war der Döner richtig geil, letzte Nacht besoffen um 4, irgendwo am Kotti.“
Inbetweenie, okay. Es ist sowieso egal, wie es heißt, so lange wir endlich endlich endlich verstehen, dass (Selbst-)Liebe keinen Namen braucht, um echt zu werden.“

bodyshaming

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3 Comments

  • Reply Kali aka. Miss Bellis 30. April 2017 at 12:42

    Und dazu noch no comments? Das kann man ja nicht so stehen lassen. Soll jetzt nicht nach Bestätigung klingen, doch ich weiß genau, was du meinst. Selbstliebe? Ich doch nicht! Mir graut schon vor der Bikini-Saison, wo ich doch den Größe-L-Slip wieder retourniert hab, obwohl der vielleiiiicht jetzt doch besser wäre.
    Ach nein, Quatsch, ich hab mich noch nie vor der Bikinackten-Saison gefürchtet, weil Schokolade einfach lecker ist.

    Lena, Lisa oder Laura? Hast du ein kleines Lelli Kelly Trauma (wenn du diesen Insider verstehst, dann ja)?

    Und „dazwischen“ ist eigentlich ziemlich toll: zwischen den Brötchenhälften kann ein Burger Pattie oder ein Würstchen sein, ich passe bequem zwischen meine Matratze und die Bettdecke, zwischen Waffel und Sahne finde ich häufig mehr als eine Kugel Eis, zwischen mir und meinem Freund ist manchmal… okay, das geht jetzt ins Private 😀
    Naja, jedenfalls stimme ich auch mit Ja.

    Unkrautige Grüße von der ungemähten Wiese

    Kali

  • Reply Julia 30. April 2017 at 13:10

    Hey, genau mein Thema 🙂 Ein wunderbarer Post.

  • Reply Ich habe die Schnauze voll vom Body Shaming - be happy. 12. September 2017 at 6:03

    […] Tara von fashionlunch.de […]

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