LIFESTYLE LITERATUR

Literatur: Schulz von Thun und die Milch und ich

31. März 2018

Man kennt es – diesen einen Mensch, den man liebt, das weiß man doch, glaubt man doch, oder nicht?
Man ist zusammen, man isst zusammen, man macht Sachen zusammen, lebt zusammen und weiß: das ist jetzt so, das bleibt auch so – oder nicht?

Wenn nichts schlimmes passiert:ja
Wenn nichts passiert: nein.

Beziehungen sind nicht einfach

Auch wenn uns die ganzen Instagram Accounts über Liebe und Leidenschaft sagen, dass eine Beziehung einfach so funktioniert, mit ein bisschen Wein, Eiscreme und Sternenstaub, stimmt das nicht. Es stimmt nicht nur nicht, es ist eine komplette, gnadenlose und schamlose Lüge.
Beziehungen funktionieren nicht einfach so – nichts im Leben geht “einfach so”.

Wir haben Erwartungen an uns und unseren Partner, unsere Familie, Freunde, sogar an unseren Brötchenmann, der uns jeden Morgen anstrahlt und eine Tüte Brötchen hinhält – wenn er mir auf einmal eine Fahrradkette gibt oder mir seine Schürze, damit ich das selbst mache: ich wäre völlig irritiert.
Und auf Irritation reagieren viele Menschen unterschiedlich: Trauer, Wut, Verzweiflung, Rückzug.
Kurz: Wenn Erwartungen, die wir haben, nicht erfüllt werden, passiert was: und mit “was” meine ich selten etwas Gutes.
Das Blöde ist: Der Gegenüber weiß meist gar nicht, dass wir Erwartungen haben.
Wir gehen aber davon aus, dass die Person das wissen sollte, MUSS, “das ist doch soooooo offensichtlich!!”
Tja – nein. Ist es nicht. Oder andersrum – wir überinterpretieren und dann ist sowieso alles vorbei. Unverständnis, Verwirrung, Irritation, Streit, schon wieder.

Schulz von Thun und sein Kommunikationsmodell

Eines meiner liebsten Modelle, an das ich fast täglich denke, ist das Vier-Seiten-Modell, Kommunikationsquadrat oder auch “Vier-Ohren-Modell” von dem deutschen Psychologen und Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun.
Ich bewundere diesen Mann, denn er hat einer so komplexen und verworrenen Situation eines jeden Einzelnen einen Oberbegriff und eine Erklärung gegeben.

Die vier Ebenen einer Aussage bzw der Kommunkation sind:
1. Sachebene – worüber informiere ich?
2. Selbstoffenbarung – was sage ich über mich?
3. Beziehungsebene – wie stehe ich zu dir?
4.Apell – was will ich von dir?

Ein einfaches Beispiel dafür ist das Paar an der Ampel :

Ein Paar sitzt zusammen im Auto, die Ampel springt auf grün.
Die Frau sagt “Es ist grün.”

Was sie meinen kann, ist:
1. Sachebene – die Ampel ist grün
2. Selbstoffenbarung – ich habe gesehen, die Ampel ist grün und möchte meinen Partner informieren
3. Beziehungsebene – ich möchte nett sein und meinen Partner unterstützen
4. Apell – ich will nett sein und informieren, da wir ein Team sind

Was er verstehen kann, ist:
1. Sachebene – die Ampel ist grün
2. Selbstoffenbarung – ich hab keine Lust, hier unnötig zu warten
3. Beziehungsebene – mein Gott, muss man dem immer alles sagen, nicht einmal Auto fahren kann er
4. Apell – fahr zu und verschwende nicht meine Zeit!

Und die Antwort des Mannes kann dann sein: “Ich bin ja nicht blind, ich fahre doch schon!!”
Und die Frau ist verwirrt und irritiert und reagiert mit Wut, denn sie wollte nur helfen und ist sauer, weil er sich angegriffen fühlt und zurückangreift, dabei wollte sie für und nicht gegen ihn sein.
(Sowieso ist Gegenangriff bei einem VERMEINTLICHEN Angriff nicht die beste Lösung 😉 )

Ein anderes Beispiel: Er macht ihr Kaffee und gibt ihr Milch, die komisch aussieht.
Sie fragt: Ist die Milch noch gut?

Was sie meinen kann, ist:
1. Sachebene – die Milch sieht verdorben aus
2. Selbstoffenbarung – ich habe Angst, dass mir schlecht wird, da mein Magen empfindlich ist
3. Beziehungsebene – ich weiß, mein Partner will nur Gutes für mich und hat es sicher nicht gesehen
4. Apell – ich will wissen, wann die Milch gekauft wurde

Was er verstehen kann, ist:
1. Sachebene – die Milch IST verdorben
2. Selbstoffenbarung – die Angst, ihr etwas falsches gegeben zu haben
3. Beziehungsebene – wieso ist sie immer unzufrieden mit mir? Was ist ihr Problem mit mir???
4. Apell – kauf deine bescheuerte Milch selbst!

Und schon wieder:
Die Antwort des Mannes kann dann sein: “Denkst du, ich will dich vergiften oder was? Ich gebe dir doch keine schlechte Milch!”
Und die Frau ist verwirrt und irritiert und reagiert mit Wut: “Wieso denkst du immer schlecht von mir, ich wollte dich gar nicht angreifen, ich habe keine Lust mehr auf deine ewigen Meckereien, ich habe nur gefragt, das ist ja wohl mein gutes Recht!”….

Ihr seht also, Kommunkation ist schwierig.
Beziehungsweise, sie kann schwierig sein.
Sie kann schwierig sein, in Beziehungen.

Alles kommt so bei einer Person an, wie sie zu euch steht und zu sich selbst: Das heißt, wenn sich die Person generell von euch eingeschüchtert fühlt, minderwertig, verunsichert ist oder Probleme mit sich selbst hat, dann greift sie solche Situationen wie einen Angriff auf – und die Person mit der Aussage fühlt sich verletzt, dass der Gegenüber automatisch schlecht von jemandem  denkt. Und dann? Teufelskreis.
Man kann ja schlecht von der anderen Person verlangen: Jetzt fühl dich doch mal sicher! Hab doch mal mehr Selbstvertrauen!
Das alles sind Prozesse und diese Tipps von “Ändere doch mal deine Selbstwahrnehmung JETZT!” bringen nie was – sowas dauert.
Allerdings ist es auch für den Gegenüber ermüdend, diese Person dann wie ein rohes Ei zu behandeln und sich nicht frei bewegen und reden zu können.
Wenn es so weit gekommen ist, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Ursache suchen und miteinander reden oder sich dafür entscheiden, die Person aus seinem Leben gehen zu lassen.

Das bringt uns also zur nächsten Frage:
Kann man, wenn die Kommunikation so gestört ist, noch einmal zueinander finden? Kann man sich neu kennenlernen, wenn man sich  einfach nur verlaufen hat? Zu sich zurückfinden, wenn  man falsch abgebogen ist?
Ich weiß es nicht.
Ich denke, es ist mit viel Arbeit verbunden und vor allem eins: blindes Vertrauen.
Ein “Ich glaube dir, wenn du mir sagst, dass du mich nicht angreifen willst.”
Ebenfalls wichtig ist die Frage: Wieso glaubst du, ich möchte dich angreifen? Denkst du schlecht von DIR oder von MIR?



Überinterpretationen lassen, denn das ist das Schlimmste von allem: Jemanden etwas in den Mund legen, was der andere nie gedacht hat – das führt immer zu Streit und Komplikationen und strahlt eine massive passive Aggressivität aus.
In einer liebenden Beziehung gibt es eigentlich keinen Angriff – und das muss man lernen. Man muss versuchen, die eigene Unsicherheit nicht in den anderen Partner zu interpretieren.

Ob das klappt, wenn man sich liebt?
Sagt man nicht, man kann alles schaffen, wenn man sich liebt?
Sagt man das nicht?
Das sagt man doch … oder nicht?

 

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