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Literatur: Stille.

19. Januar 2017

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Wir alle kennen all die Sprichworte, die uns die Welt erklären, vereinfachen sollte, als wir klein waren. Und schon waren alle Lügner klein und hatten lange Nasen und all die kleinen, langnasigen Menschen hatten mit Vorurteilen zu kämpfen, während doch der Prinz, in Rüstung und von mir aus auch mit einem Pferd, der größere Lügner war, weil ihm eine Prinzessin nicht reichte.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, Stille ist wichtig, Stille ist laut. Ich habe lange keinen richtigen Text mehr geschrieben – nicht hier, nicht auf seinsart. „Wieso schreibst du nicht“, werde ich gefragt, „schreib doch mal wieder“, wird mir geraten, „schreib jetzt endlich!“, werde ich gezwungen.
Aber manchmal, da hat man so viel zu sagen, dass man nicht weiß, wo man beginnen soll. Und manchmal, da hat man so wenig zu sagen, dass man weiß, man sollte gar nicht erst beginnen.
Manchmal, da ist Schweigen schön.


„Abends, wenn man die Lieblingssendung zusammen guckt und es spannend wird und man die Finger mit der Hand des anderen verschränkt, seicht, sachte, nichts sagen muss und weiß, dass es schön ist, dass man nichts sagen muss.
Das sind die besten Menschen. Menschen, mit denen man nicht reden muss, weil man nicht das Gefühl hat, dass man muss, weil es sonst komisch wird. Menschen, mit denen nichts komisch wird, weil man sich mag, einfach so.“


Ohne „der wäre echt nett, aber…“ und „eigentlich mag ich sie, wenn sie nicht…“.
Wenn man einfach „Ich mag sie“-Menschen um sich hat, dann ist Schweigen schön. Dann ist Schweigen wichtig. Dann sitzt man zusammen und schaut sich an, kurz vielleicht, oder zusammen in die selbe Richtung, weil man weiß, wohin es gehen soll. Weil man das so macht. Weil man nicht fragt, warum man da sein muss, sondern nur, wann. Weil man nicht fragt, wieso man etwas tun muss, sondern nur, wie schnell. Weil man sich nichts fragen muss, weil alle Antworten beim anderen liegen. Weil man – und das ist selten, aber ja, das gibt es – sich anschaut und es weiß. Was genau, das ist egal. Aber man weiß es. Man weiß wieso, wie lange, warum die Banane krumm ist oder die Erde sich dreht oder dass man für immer zusammen bleibt oder vielleicht einfach nur, dass man zusammen das nächste Bier trinken wird, obwohl einem selbst Wein viel besser schmeckt. Manchmal ist das so, und manchmal sprechen Augen schneller als Worte und dann ist Schweigen wichtig und auch dann ist Schweigen laut.Girl with Balloons

Und manchmal, da ist Reden wichtig. Wenn man sich anschweigt, etwas verschweigt, alles halb zu Tode schweigt, im Keim erstickt oder die Luft wegbleibt nach einem Halbmarathon der Gefühle und man zu erschöpft ist, um abends, bei der Lieblingssendung, nach der Hand zu greifen, seicht, sachte, weil man weiß, dass man sich nichts mehr zu sagen hat und eigentlich mag der eine die Sendung gar nicht mehr.


„Manchmal ist Reden Gold und manchmal ist Reden leise. Manchmal, da sagen wir so viel und haben uns so wenig zu sagen. Und dann reden wir aneinander vorbei und um uns rum und Luftlöcher, so groß, dass Flugzeuge fallen, sind klein gegen das Nichtssagen unserer Konversationen.“


Und manchmal, da ist das ganz schön traurig. Das sind die schlimmsten Momente. Wenn man nebeneinander sitzt und doch weiter entfernt ist als von hier nach Tibet zu Fuß. Wenn die Wände höher sind als kulturelle Grenzen und dabei teilt man sich die selbe Couch. Wenn man nicht mehr weiß, was man sagen soll, weil alles wehtut, weil alles Rasierklingen hat, weil jedes „Hallo“ dich schneidet, denn eigentlich sind das alles nur „Auf Wiedersehen“s, auch wenn man gar nicht weiß, ob man sich jemals wiedersehen wird.

Und manchmal, da ist das ganz schön schön. Wenn man nebeneinander sitzt und all die Mauern eingerissen hat, die jemand anderes aufbaute. Wenn ein „Hallo“ dich in Watte packt, und die Hände verschränkt werden, seichte, sacht, und man nichts sagen muss, weil all die Stille weich und warm und schön und richtig ist und ein „Auf Wiedersehen“ auf wirklich Wiedersehen heißt, weil man es nicht sagen musste, kein Wort, aber die Augen schon längst verstanden haben, was passieren  wird.

Ballons Berlin

 

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2 Comments

  • Reply tatjana 23. Januar 2017 at 8:19

    wundervoll <33

    • Reply fashionlunch 23. Januar 2017 at 13:05

      Danke dir! :)

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