LIFESTYLE LITERATUR

Literatur: Vielleicht erschlägt mich ein Flugzeug

3. Februar 2018

ICH SITZE MIT ihm in diesem süßen Café in Amsterdam. Eigentlich ist es eher eine Bäckerei.
Es ist wirklich bunt und mädchenhaft eingerichtet und ein bisschen fühle ich mich schlecht, dass ich ihn hier hergebracht habe – aber auf Instagram sah es schön aus und ich wollte es sehen. Allerdings hat das Essen alle Sorgen weggeblasen, es schmeckt herrlich!
Wir stehen auf, wir haben bezahlt, wir sind satt und zufrieden und bereit, ins Museum zu gehen.
Er öffnet die Tür und wir treten auf die Straße und mir irgendwas in den Magen.
Ich zucke und kriege schlagartig keine Luft mehr. Meine Beine zittern durch die Massen an Adrenalin, die durch meinen Körper schießen, das Laufen fällt mir schwer.

Mein Körper signalisiert mir: Panik.
Mein Kopf weiß: da ist nichts.
„Alles ok?!“ – braune Augen sehen mich fragend an.
„Klar!“ – lächle ich zurück und wirke wie die Ruhe selbst und habe das Gefühl, auf der Stelle sterben zu müssen.

DIE LANDSCHAFT RAST an mir vorbei.
Felder, Menschen, irgendwelche Geschichten von irgendwelchen Leuten, die ich nicht kenne, spielen sich vor meinen Augen ab.
Die Gleise klappern, das Kind neben mir auch und die Reisegruppe schräg vor mir lästert beim dritten Sekt über ihren Chef.
„CAPPUCINOODERKAFFEHEISSJANEIN?“ fällt dem Mann, der eben noch Schaffner war und jetzt Kaffee verkauft, aus dem Mund.
Ich bin entspannt, ich fahre wieder in ein anderes Land, alles außer zuhause, weg außer da sein, aber ich weiß: tecum fugis.
„Wer wäscht eigentlich die kleinen Kissen hier im Zug?“ – meine entspannte Position ist dahin. Ich verkrampfe und sofort wird mir schlecht vor Ekel. Da saßen bestimmt Bazillenschleudern, so richtig dreckige Menschen mit fettigen Haaren, die wurden sicher JAHRE nicht gewaschen, ich krieg jetzt sicher Läuse oder Schuppenflechte, meine Kopfhaut beginnt zu prickeln – „ICH WUSSTE ES!!!! Und jetzt bin ich im Ausland und niemand wird mir helfen können und dann fallen mir die Haare aus und…“ – denke ich, wohlwissend, dass das nichts als Psychosomatik ist. Ich kämpfe gegen die Übelkeit und juckende Kopfhaut an und warte, bis es vorbei ist, meine Gedanken rasen, ich muss mich beruhigen, ruhig, ruhig, ruhig….

NEBEN MIR SITZT eine Horde englischer Teenager. Ich bin müde und will einfach nur nach Hause und achte nicht auf meine Bewegungen – der Kaffee vor mir, der nach Tee schmeckt, wird von einer meiner Gepäcktaschen, die ich wieder dabei habe, umgeschmissen. Alle gucken mich an, ich erstarre.
Ich frage die Teenies kokett nach einem Taschentuch, „well I guess, I messed up ;)“, Zwinker, Zwinker, sie kichern. Sie denken, ich bin cool. Mein Herz rast und mir ist unglaublich  heiß, dabei fallen draußen die Schneeflocken sanft zu Boden und doch, ich könnte schwören, die ganze Erde bebt und der Krach ist unerträglich: I messed up, I’m messed up.

ICH RENNE ZUM Job den ich hasse und biege um die Ecke, Tag ein, Tag aus der selbe Weg. Ich erstarre – ein neues Baugerüst schmückt die Straße, die zu breit ist, um drüberzulaufen. Sie bauen noch auf, aber ich muss drunter hergehen – es gibt keinen anderen Weg als ab durch die Mitte. Die Bauarbeiter lachen und pfeifen und machen die Sachen, die sie halt so tun, um sich ihren anstrengenden Alltag irgendwie zu versüßen und ich laufe drunter her, jede Sekunde damit rechnend, dass sich eine Eisenstange löst und mir den Schädel zerbricht, das Genick bricht, oder vielleicht fällt auch ein Flugzeug vom Himmel.

Wer weiß, wahrscheinlich ist alles gleich wahrscheinlich – und mit wahrscheinlich meine ich unwahrscheinlich, aber wenn Angst rational wäre, wäre sie nicht da.

MEIN BAUCH TUT weh und ich denke, welche Ader wohl gerissen ist, ob es Eierstockkrebs oder doch  ein Blinddarmdurchbruch ist – alles andere, rationale, normale kommt mir nicht in den Sinn. Ich bin mir sicher, ich werde in den nächsten zwei Stunden sterben und alle werden bereuen, mich nur beruhigt zu haben, dass sicher nichts ist, weil es DIESMAL ECHT WAS IST. Ich nerve sowieso alle damit. Vielleicht wäre es besser und bei so einem Durchbruch hat man ja nicht mehr so lange. Ich merke, wie mir heiß wird und ich keine Luft mehr kriege – na super, wer hat schon das Glück und gleichzeitig eine Lungenembolie? Mein Bein war doch gar nicht dick, kann es wohl sowas wie eine Highspeed-Thrombose sein? Bestimmt gibt es sowas, Google sagt auch, dass das sein kann….

DER MODERATOR BRABBELT irgendwas völlig sinnloses vor sich hin und ich bin so dermaßen von dieser Monotonie gelangweilt, dass ich nicht einmal sicher bin, welche Sprache er spricht. Mein Nacken ist steif, ich habe viel geschrieben und versucht zu erklären, warum ich Angst vor was habe, aber weiter bin ich nicht gekommen – in dem Moment schießt ein Schmerz in meinen Kopf und ich reiße meine Augen auf: Alles klar, DAS war es jetzt WIRKLICH, denke ich, aber dann fasse ich mich, versuche es, schon wieder, und denke mir: Nein. Das war es nicht. Vielleicht überlebe ich ja. Vielleicht überlebe ich das alles ja. Vielleicht auch nicht – aber nicht schlimm.
Wer kommt schon lebend aus dem Ganzen hier raus?

Panikstörungen sind nichts, was man immer sehen kann. Das spielt sich in einem ab.
Irrationale Gedankengänge und Ängste, die dich immer wieder unkontrollierbar einholen.
Das bedeutet nicht einmal , dass man krank ist, sondern einfach an Hypersensibilität „leidet“.
Dass man alles auf einmal spürt. Dass Geräusche schön  sind, doch manchmal zu viel. Dass du Menschen liebst, aber nicht alle auf einmal und nicht jeden Tag.
Dass es schnell gehen kann von „Ich kriege SICHER jetzt Grippe, wenn ich diese Stangen in der S-Bahn anfasse“ bis hin zu „mein Arm ist eingeschlafen – ODER IST DAS DOCH EIN SCHLAGANFALL!?“.
Dass man sich Gedanken macht, ob dass Trinkwasser auch ganz ganz sicher Trinkwasser ist, dass die Heizung einen nachts im  Schlaf vergiftet oder dein Freund dich eigentlich doch nicht wirklich liebt.
Manche Sachen sieht man den anderen Menschen nicht an, doch das bedeutet nicht, dass es nicht wahr ist.
Nicht da ist.
Es ist da.
Es sitzt mit mir in Paris am Frühstückstisch und isst ein Croissant, es läuft mit mir über die Brücken in Amsterdam und es nimmt mich abends vor dem Einschlafen in den Arm, manchmal fest, manchmal sanft.
Es ist unsichtbar, aber immer präsent.
Es blutet nicht, aber es tut weh.
Nicht immer. Aber manchmal.
Don’t judge people by their behaviour – maybe they smile just to stop crying.

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3 Comments

  • Reply Resa_owl 4. Februar 2018 at 11:46

    Einer der besten Blogposts die ich je gelesen hab. Danke!

  • Reply Sophie 9. Februar 2018 at 13:49

    Das ist ein fantastischer Text. Krass. Ich fühle 1:1 mit dir. Hatte vor 2 Tagen eine ähnliche Zugfahrt. Da ist dieses Gefühl, dass man nicht fliehen kann, obwohl man nur durch eine Glasscheibe von der freien Außenwelt getrennt ist. Aber hey, im Gefängnis trennt einen auch nur die Mauer von der Freiheit. Und manchmal sind die kleinen Sachen am schwersten zu überwinden. Zumindest scheint es so.
    Ich glaube, dass jeder Mensch nur dass trägt, was er ertragen kann. Und du bist ein besonders starkes Exemplar und lässt dich nicht von deinem Weg abbringen.

    Danke für den Text, der mir wirklich viel gegeben hat!

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