LIFESTYLE

Das Leben an sich

4. Februar 2015

Bruchstücke.

März 2008. Alles, was ich noch sehe, ist der Baum, auf den wir mit viel zu schneller Geschwindigkeit zurasen. Ich will nicht sterben. Ich bin doch erst 17. Und ich habe noch so viel vor. Alles ist dunkel. Alles ist vorbei und ich falle und weiß, ich kann mich nicht mehr festhalten.

Menschen rütteln an mir. “Ich will aufwachen” – “Das ist kein Traum” – “Ich will nach Hause” – “Können Sie gehen?” – “Schlafen…”

Das Piepen der Geräte auf der Intensivstation weckt mich. Meine Mutter sitzt an meinem Bett und tut das, was sie immer tut – sie flucht. Sie trauert. Sie hat Angst um ihr einziges Kind. Und steht da hinten der Rest der Familie? Ich bin so müde…

Als ich wieder wach werde, sehe ich einen Schokoladenosterhasen. Oh wie schön, aber seit wann habe ich einen Tisch neben meinem Bett? Ich schaue mich um und weiß nicht, wo ich bin. Und ich fühle mich komisch, leicht, schwerelos, aber mir tut alles weh, irgendwie, wo bin ich überhaupt? Ich fange an zu schreien. Eine Schwester kommt panisch angerannt und das erste, wonach ich frage, ist ein Spiegel. Und das, was ich sehe, kann ich nicht fassen. Ich kann kaum was sehen, mein Gesicht ist aufgequollen und komisch verformt, zwei Zähne fehlen. Ich fange lautlos an zu weinen und will, dass das alles ein Ende hat.


 

Der Unfall im Jahr 2008 hat mein Leben verändert. Und ich bin noch gut weggekommen – 4 gebrochene Rippen, gebrochenes Jochbein, gebrochener Wangenboden, Knie seitdem taub, Nase etwas schief, drei Zähne weg (der dritte “explodierte” 2010 und musste gezogen werden. Und man denkt, sowas erlebt man nur einmal. Aber doch. Nur anders. Nur schlimmer.

September 2010  Ich habe mehr getrunken, als ich sollte. Ich bin auf der Kirmes und warte auf meine Freundin, die nur noch kurz weg wollte. Sie war vorher bei mir und wollte in einer Stunde wieder da sein. Aber sie kommt nicht. Und ich ärgere mich und schreibe hier “Halloooho, lebst du noch?” Hätte sie schreiben können, sie hätte sicher nur “Nein, nicht mehr wirklich” geschrieben. Am nächsten Morgen finde ich eine Mail. “Sie hatte einen Unfall.” Ich rufe an, was ist passiert? Ich denke mir nichts dabei, denn hey, auch ich hatte einen Unfall und keinen harmlosen. Aber das war was anderes. Das war größer. Und ich hatte wirklich Angst. Künstliches Koma? Mehr als 24 Stunden? Und was soll das heißen, das Bein hätte fast amputiert werden müssen? Kann ich zu ihr? Sie sieht anders aus. Sie lacht. Aber sie ist gebrochen. Nicht die vierfache Oberschenkelfraktur ist damit gemeint. Oder der Beckenbruch. Sondern ihr Blick. Sondern ihre Zukunft. Ich weiß, sie ist stark, aber so?…

4 Monate danach – sie hat kaum jemanden gesehen. Sie kann nicht laufen, liegt nur im Bett, und wenn, dann fahre ich sie in ihrem Rollstuhl rum. Ich bin so oft es geht da, mehrmals die Woche. Ich weiß, wie sich das anfühlt, und ich weiß es nicht. Leid ist individuell. Und alles, was ich tun kann, ist da sein. Ihre Augen haben die Farbe von Honig. Und wir streiten uns so oft und wir finden noch öfter wieder zusammen. Niemand hat gesagt, dass es leicht wird. Und wenn andere ihre Jugend gefeiert haben und auf Parties waren, saß sie zuhause, musste lernen, wieder zu gehen und überhaupt, wie soll man so die Uni meistern? Aber irgendwie hat es geklappt. Niemand hat gesagt, dass es leicht war.

4 1/2 Jahre danach – Ein neuer Nagel im Bein. Das Bein ist zu kurz, es muss gestreckt werden. Mit einem Nagel, der nach 3cm stoppt. Die OP war im Dezember. Heute dann der Anruf. Falscher Nagel, Fehler, neue OP. Freitag. Manchmal frage ich mich, wie viel man ertragen muss, um wieder glücklich sein zu dürfen. Manchmal freue ich mich über die kleinen Dinge, über die wir glücklich sein dürfen. Freundschaft, zum Beispiel. Und das Wissen: “Ich bin für dich da.”

 

Ich bin für dich da.

Frei_Glücklich

 

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10 Comments

  • Reply Carotellstheworld 4. Februar 2015 at 22:39

    Hei,
    tut mir echt Leid, was euch beiden da passiert ist. Aber du hast den Text echt super geschrieben. Respekt, dass du da so drüber schreiben kannst.
    Liebste Grüße
    Caro

  • Reply Jenna 4. Februar 2015 at 23:53

    Dieser Post hat mich unheimlich berührt und ich hatte Tränen in den Augen! Ich wünsche euch nur das aller beste und haltet an den schönen Dingen fest, denn die machen euch glücklich!

  • Reply Angela 5. Februar 2015 at 0:32

    Weiß nicht, was ich sagen soll, außer:

    <3!

  • Reply Kasia 5. Februar 2015 at 1:24

    Wow. So ein emotional geladener post. Ich bin sprachlos … du hast meinen vollsten respekt! Es ist nicht leicht seine gedanken schriftlich festzuhalten. Und noch viel schwieriger diese zu veröffentlichen!

  • Reply Nastja 5. Februar 2015 at 10:11

    Ich kann nur allen zustimmen, du hast diesen Post sehr gut geschrieben und er ist wirklich berührend. Wenn mein Freund mal wieder zu spät dran (und mit Auto unterwegs) ist, bin ich auch oft kurz davor zu schreiben ‘Hallo lebst du noch’ und lasse es immer sein, weil ich Angst habe es könnte ‘Geister heraufbeschwören’. Früher hatte ich sogar richtig Angst vor dem Autofahren, auch als Beifahrer, und das nur weil ich einmal als Teenie mit einem damaligen Freund bei 20km in den Graben gefahren bin – was nun wirklich gar nichts war. Aber man sieht ja was so alles Schlimmes passieren kann… Ich wünsche dir und deiner Freundin alles alles Gute!

  • Reply Sarah 5. Februar 2015 at 11:14

    So ein unglaublich berührender Post.
    Schön, dass du immer für deine Freundin da bist!

  • Reply TanjasBunteWelt 5. Februar 2015 at 13:13

    Wunderschön geschrieben, wenn die Geschichte dahinter auch wirklich tragisch ist und traurig macht.
    LG und noch viel Kraft auf euren gemeinsamen Weg, von dir und deiner Freundin.

  • Reply Marion Hair Makeup 5. Februar 2015 at 15:04

    Wundervoll! Der Post ist sehr mitnehmend, es ist einfach nur schlimm was da passiert ist.
    Ich wünsche euch beiden alles erdenklich Gute auf eurem Weg.
    Liebe Grüße

  • Reply Fashion Kitchen 6. Februar 2015 at 19:46

    wow…ich bin sprachlos…
    aber ich kann mit dir und euch fühlen…
    mein freund hatte schon 3 lebensbedrohliche unfälle und hat alle überlebt… es war eina harte zeit aber irgendwie schafft man es…

  • Reply Esra 7. Februar 2015 at 22:27

    Wie krass!!! Respekt, dass du darüber schreibst. Es ist echt wichtig! Weil man zu schnell vergisst, dass man dankbar sein sollte für das, was macht hat!!
    Alles alles gute euch beiden und viel viel Kraft!!! Schön, dass du für deine Freundin da bist! Wunderschön <3
    lg
    Esra

    http://nachgesternistvormorgen.de/

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