LIFESTYLE

Es geht nicht nur um euch.

24. März 2015

“Wie, du fliegst nicht?” Immer, wenn ich das sage, gucken mich alle ganz verstört an. “Dann kannst du ja gar nichts von der Welt sehen!” Doch, natürlich kann ich. Habe ich schon. Ich fliege erst seit 2009 nicht mehr. Eine vielleicht irrationale Panik hat mich seit meinem letzten Flug (nach Russland) ergriffen, aber sie ist da. Kontrollverlust, mein Leben in fremde Hände geben, außerdem, wie soll so ein Ding da fliegen? Aber das ist meine Sache. Ich binde sie niemandem ungefragt auf die Nase.

Und heute ist es passiert. Ein weiterer Flugzeugabsturz und diesmal ein deutsches Flugzeug mit sehr vielen, deutschen Insassen. Und all die Kommentare. Es macht mich wahnsinnig. Wahnsinnig traurig. Wahnsinnig wütend.

Welche Kommentare? Hier meine Top 10:

 

1. Schrecklich, meine Tochter ist auch vor zwei Jahren nach Barcelona geflogen, Gott sei Dank ist da nichts passiert!!

 

2. Bin voll traurig aber hab auch schiss, fliege in 3 Monaten (!!!) auch mit German Wings

 

3. Krass, war erst letzten Monat in Barcelona, hätte auch ich sein können…

 

4. Ist das nötig?!??? So Schulausflüge, da passiert immer was!!!! Meine Kinder lasse ich nicht nochmal los!!

 

5. Ich hoffe meine Freunde sind da nicht bei, also nicht freunde, sondern Bekannte…kenne die Familie von einem, der vielleicht dabei war…

 

6. Danke, dass ihr nachgefragt seid, aber ich bin schon letzte Woche gelandet! Aber trotzdem voll übel.

 

7. Gut, dass ich mich nicht dazu entschieden habe, nach Spanien zu fliegen, das hätte vielleicht auch meiner sein können, man weiß ja nie…

 

8. Toll, wollte gerade Urlaub buchen, aber jetzt habe ich auch keinen Bock mehr.

 

9.  Letztes Jahr um diese Zeit war ich auf Mallorca….krass…..

 

10. Gut, dass ich niemanden davon kannte, waren ja immerhin Leute aus NRW drin…

 

(*Rechtschreibung und Grammatik korrigiert, das konnte ich niemandem zumuten.)

 

Nein. Stop. Es geht nicht um euch. GAR NICHT. Wenigstens einen Tag, einen einzigen, kann man doch versuchen, NICHT an sich zu denken. Mir ist klar, dass man Ereignisse mit sich verbindet. Aber einen Tag sollte man doch den Respekt aufbringen, nicht alles mit sich zu verbinden. Nicht irgendwelche weit hergeholten Sachen, damit man das Unglück IRGENDWIE auf sich projizieren kann. Das ist so ein Menschen-Ding. “Ich habe Liebeskummer.”

– Gut: “Oh das tut mir leid, lass uns 1L Eis essen und heulen.”

– Schlecht: “Ja, oh, mh, kenne ich, also ich hatte auch mal so richtig Liebeskummer, der Typ und ich kannten uns seit 2 Jahren und dann auf einmal….”

Es ist für mich unbegreiflich, wie man andauernd das Leid von anderen Menschen dazu nutzt, um sich in den Mittelpunkt zu rücken. Dass man bei jedem Unglück, egal ob groß oder klein, irgendwas findet, womit man sich selbst wichtiger macht. Als ob das wichtig ist. Als ob das zählt. 150 Tote. Und mir wird schlecht bei dem Gedanken, wie diese Menschen umgekommen sind. Aber noch schlechter, wenn ich lese, wie so viele Menschen, die leben, versuchen, auch etwas vom Unglücks-Mitleids-Kuchen abzukriegen. Schämt euch.

Ich weiß, dieser Beitrag ist keine literarische Meisterleistung, aber er ist echt. Ungeplant. Keine Bilder. Nur ein bisschen wachrütteln, vielleicht.

 

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NACHTRAG: Ich habe die Kommentare hier drunter gelöscht. Es kann sein, dass nicht jeder diesen Text gut findet un es gibt natürlich immer irgendwen, der gerne einfach so Gründe findet, um sagen zu können “Äääh ja aber du bist ja auch doof!” – oder ihn vielleicht wirklich nicht gut findet oder was auch immer. Ihr könnt mir das gerne per Mail schreiben: tarawittwer@googlemail.com

Aber unter DIESEN Beitrag werde ich keinen einzigen Kommentar mehr dulden. Ich finde es beschämend, dass es überhaupt zu irgendeiner Diskussion kam, wo es im Endeffekt einfach nur darum gehen sollte, dass alle mal an die Opfer denken, nicht immer nur an sich, und einen Tag lang trauern. Mal davon ab, dass ich mir nie anmaßen würde, unter einen Post mit so einem heiklen Thema etwas zu schreiben, mit Smilies gespickt (hihi so witzig alles!), kann man auch einfach mal in gewissen Situationen Dinge für sich behalten – oder eben wie gesagt per Mail. ABER ich denke nicht, dass SO ein Post eine gute Plattform zum bashen und streiten ist – das ist beschämend.

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2 Comments

  • Reply Heute bin ich dankbar - THE3RDVOICE.NET // Modeblog, Fashionblog aus München 29. März 2015 at 11:12

    […] war, was sie sehen durfte. Aber irgendwie glaube ich nicht, dass ich die Richtige dafür bin. Es geht nämlich nicht um mich. Auch nicht um die Leute, die „letztes Jahr den gleichen Flug genommen haben“ und „ach so ein […]

  • Reply Jessica 29. März 2015 at 14:27

    Danke Danke Danke!!! Endlich sagt es jemand so deutlich!!!! Ach wenn du die Kommentare nicht veröffentlichst wollte ich dich kurz wissen lassen, dass ich deinen Beitrag richtig gut finde.
    Diese Selbstsucht geht mir so auf die Nerven. Meine Gedanken sind zu 100% bei den opfern und den Hinterbliebenden. Und nicht bei mir und dass ich auch schonmal geflogen bin und wieder fliegen werde. So ein blödsinn… Danke für deine Offenheit und deine 2 cents

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