LIFESTYLE LITERATUR

Literatur: Backpacken durch den Dschungel

4. Mai 2018

„Aber hat er nie deine Sachen gelesen? Du sagst doch alles ganz deutlich, also wenn ich dein Freund wäre, ich hätte dich gepackt und hingesetzt, wir hätten geredet, was du brauchst, was ich machen kann, wie du dich besser fühlst…“
Seine Augen leuchten auf, man merkt, er denkt das wirklich.
Dunkelbraun, Zartbitterschokolade.
Mein Herz leuchtet auf, ich glaube ihm wirklich, großer Fehler.
Ich lache auf, ich lache in die Nacht hinaus, und die Welt, die lacht zurück – aber über mich.
Zart nein, aber bitter, so bitter.

Irgendwie denken Frauen ja oft, dass ER uns „ganz bestimmt will“, obwohl absolut alle Anzeichen dafür dagegen sprechen – und das sind wir auch bereit zu entschuldigen.
Wir hören so viel und glauben alles: „du bist die Einzige, ich habe nie jemanden so geliebt wie dich, du bist für mich die schönste Frau der Welt“ und dann fühlen wir uns als was ganz Besonderes.
Wir glauben also, ich wiederhole, tatsächlich, dass genau dieser Mann hier genau uns, und sonst keine davor oder keine danach,  am allerliebsten und allerbeste von allen hatte und fand.
Und wir wundern uns gar nicht, dass uns das aber komischerweise JEDER Freund sagt das erste Jahr, weil wir so davon überzeugt sind, dass wir „die Eine“ sind, der Jackpot oder zumindest eine ganz gute Partie, dass wir nie auf die Idee kommen, dass das einfach nur eine Masche ist, die ihn stressfrei leben lässt.

„Ja klar, liebe ich dich.“
„Mehr als alle anderen?!“
„Sicher.“

„Du hast die Frau da angeguckt!“
„Nein nein, du bist für mich die Schönste von allen.“

Das kann er auch sicher alles meinen – situativ. Und mit situativ meine ich, wenn du gerade die Wohnung geputzt hast, mit ihm im Restaurant warst und er sowieso gut gelaunt ist durch die halbe Flasche Wein oder aber weil du – ganz simpel – deine Brüste im neuen Kleid zeigst, was du extra nur für ihn anziehst.
Aber sobald du irgendetwas möchtest, sagen wir, was völlig verrücktes: Zeit mit ihm oder mal eine nette Geste –
dann braucht er „Zeit“. Und „Freiraum“.
„Aber ich möchte nicht dein Zentrum der Welt sein!“
„Ich glaube ja, du liebst mich einfach nur zu viel!“

Und wir stehen da, doppelt geohrfeigt, und denken erst einmal: nichts. Da ist nichts, eine Leere, die sich anfühlt wie Zuckerwatte, weil wir so irritiert sind.
Und dann beginnen wir natürlich, uns ins Frage zu stellen: Okay, klammere ich zu viel? Liebe ich zu sehr? Oh Gott, nerve ich?
Und wir zügeln uns und ändern uns und stellen uns immer weiter hinten an und merken, dass sich nichts ändert.
Das irritiert uns noch mehr.

Und dieser ganze Kreislauf macht uns kaputt und diese Selbstzweifel fressen uns auf und wir werden trauriger und wütender und wenn wir das zeigen, dann sind wir „umso anstrengender“ und kriegen vorgeworfen, was denn „diese emotionale Achterbahnfahrt“ immer soll, wobei wir einfach nur versuchen, NICHT mehr wir selbst zu sein, weil das ja auch nervt und falsch ist.

Lange Gespräche mit allen Freundinnen die wir haben, Entschuldigungen:
Sein Job ist gerade anstrengend, das Wetter macht ihn müde, er braucht wirklich vielleicht einfach nur mehr Zeit für sich und überhaupt, er muss erst einmal schauen, was er generell so will, in seinem Leben.
Das Ende vom Gespräch:
Eigentlich sollten wir uns echt mehr Mühe geben, um NOCH eine bessere Freundin zu sein und wirklich jegliche Emotion unterdrücken, wenn wir mal wieder angeschrien werden, weil wir mal wieder irgendwie “voll genervt” haben.

Long Story Short: Er liebt dich nicht. Er liebt die Vorstellung, jemanden wie dich zu lieben – aber nicht dich.
Er sagt dir, du bist wichtiger als seine Hobbies oder Freunde – hat aber niemals was getan, als es drauf ankam. Du schüttest ihm dein Herz aus und zwei Freunde müssen zu dir kommen, weil du stundenlang weinst – er guckt Fußball.
Du erwartest fast schon nichts mehr und er toppt es trotzdem, indem er weniger als nichts für dich tut.
Du bist in dem konstanten Kreislauf gefangen aus „Ich weiß nicht, wie ich besser werden soll“ und die temporäre Erkenntnis von „ich kann nicht gut genug für ihn werden, weil er nicht MICH will“.
Das weiß er aber vielleicht nicht: er findet die Vorstellung toll, dich zu haben – deine Kreativität, deinen Charakter, deine Unabhängigkeit, dabei passt es nicht zu ihm.

Das ist übrigens natürlich nicht nur in Beziehungen zu Mann und Frau so, sondern generell bei allen zwischenmenschlichen Dingen, wenn der eine investiert und der andere “halt so mitmacht”.
Wenn die eine Person jemanden schätzt und das nicht zurückbekommt.
Freundinnen, die sich eigentlich nicht mögen, Schwestern, die nur Kontakt haben, weil sie eben irgendwie Schwestern sind, der Vater und die Mutter, die Verpflichtungen haben, aber nur deswegen da sind.
Es gibt oft jemanden, der mehr liebt.
Und genau dann auch so lange braucht, um zu erkennen, dass der andere sehr viel redet und am Ende gar nichts sagt, außer: eigentlich will ich dich nicht.
Dass die Person an dir rumschraubt, dich optimieren will, dir sagt, wie du endlich gut wärst, würdest du doch nur und hättest du nur….kurzum: du wärst gut, wenn du jemand anderes wärst.

Ich beispielsweise träume auch fast täglich von einem Backpack Urlaub durch den Dschungel – ich weiß aber sehr wohl, dass ich das nie tun werde: Ich liebe die Vorstellung davon. Ich liebe alle Menschen die das tun. Ich habe tiefe Bewunderung dafür – aber das bin ich nicht. Und das werde ich nie sein. Und niemals wäre ich glücklich als Backpacker.

So ist das auch.
Nur darfst du nicht vergessen, dass du kein alter, gammeliger Rucksack bist, der irgendwo in der Kammer steht und darauf wartet, benutzt zu werden von jemandem, der dich eigentlich nicht will sondern nur die Idee von dir, sondern dass du der Dschungel bist.
Voller Blumen und Ideen, Abenteuern und Pflanzen, eine andere Welt, die irgendjemand wirklich, wirklich sehnt und liebt – nur eben nicht alle.

Ich sitze hier, nachts, und lache nicht mehr. Ich denke an die Zeit, als er mir sagte, er würde alles anders machen, besser irgendwie, und am Ende nicht ein einziges mal auch nur ansatzweise was getan hat. An die Zeit, als er sagte, er würde alles lesen und in der Realität einfach nicht einmal zuhört, wenn ich direkt vor ihm saß. Ich denke an all die Taras, die ich sein sollte, weil die eine nicht gereicht hat. An all die Tränen auf dem Badezimmerboden, an all die Dinge, die wichtiger waren und all die Optionen, die ich war – und nie die Priorität. An all die leeren Versprechungen und das Blaue, das vom Himmel geredet wurde, wenn keine einzige Tat folgte. Ich sitze hier, nachts, allein und ich lache nicht in die Nacht hinein – aber sie lacht mich wenigstens nicht mehr aus, denn zumindest habe ich verstanden, was Lüge war und was Realität.

 

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2 Comments

  • Reply Damaris 5. Mai 2018 at 9:13

    Liebe Tara… dieser Post zerreißt mir das Herz und gleichzeitig fühlt es sich so warm und wirklich an! Es ist, als würde ich die Geschichte meiner vor 1,5 Monaten beendeten Beziehung lesen (seitdem es mir deutlich besser geht!!!) Ich muss fast weinen und ich weiß nicht warum. Weil dein Text so ehrlich ist? Weil ich mich selbst darin wiederfinde? Ich liebe es deine Texte zu lesen, mich darin selbst zu entdecken, mich zu verlieren, die Welt um mich herum für einen Moment auszuschalten! Ich liebe dich dafür, dass du nicht so bist wie die anderen auf Instagram und Co. . Deine humorvolle, nicht ganz so ernstnehmende, wundervolle und ehrliche Art bewundere ich fast täglich und versuche mir ein oder auch mal zwei Scheiben von dir abzuschneiden. 😛

    Mach‘ genau weiter so! Du bist wundervoll!

    Fühl dich gedrückt und ganz liebe Grüße
    Damaris

  • Reply fashionlunch 8. Mai 2018 at 12:41

    Ohh Damaris,

    Du hast meinen Tag erhellt mit deinen Worten, ich danke dir sehr dafür!
    Es freut mich zu lesen, dass es Leute gibt, die es zu schätzen wissen, wenn man eben nicht in diese blondierte pinke Instagram-Puppen-Welt passt und trotzdem da ist.
    Danke danke danke.

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