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Literatur: Berlin, was hast du aus mir gemacht?

14. Juli 2016

“Wenn du in Berlin bist, rutscht du bestimmt in die Drogenhölle ab und bist überall tätowiert” sagte eine ehemalige Freundin damals zu mir. Sie kannte mich nicht besonders gut, aber daher ist es ja auch eine damalige Freundin.

Ich wusste, dass das nie passieren wird – aber wovor ich Angst hatte, war vor allem, keinen Anschluss zu finden, einsam in meinem Zimmerchen zu verroten und schnellstmöglich ins Sauerland zurückzuwollen. Behütet zu den Kühen auf die Weide und das war’s dann. “Zack, du hast versagt, find’ dich damit ab, du bist nicht das, was du sein wolltest.”

Aber ich zog nach Berlin, 500km weg von zuhause, während meine Familie und mein Freund dort blieben.

Mittlerweile wohne ich anstatt in einer WG in Kreuzberg/Grenze Neukölln alleine im Prenzlauer Berg/Grenze Mitte. Ich kann sagen, dass ich endlich angekommen bin und mich wohlfühle mit der Entscheidung, nach Berlin gegangen zu sein – auch wenn ich oft gezweifelt habe die letzten Monate. Ich habe mich unwohl gefühlt, allein, ich konnte nicht so leben, wie ich es wollte, dabei wollte ich doch genau das – schauen, ob ich ganz alleine klarkomme. Mich neu kennenlernen. Und auf einmal fühlte sich alles so falsch an. Ich bekam Angst und flüchtete jede Woche ins Sauerland, zurück, nach Hause, in die behütete Blase, wo ich nichts tun und nichts sein muss.
Äußere Umstände können allerdings oft den Blick auf das, was wir wirklich  wollen, trüben – deswegen ist es gut, dass ich noch gewartet habe, noch einmal innerhalb Berlins umgezogen bin und dann geschaut habe, ob es wirklich das ist, was ich will. Und ja, das ist es! Und ich bin langsam so wie ich es will.

Ich habe gesagt, ich werde mich nicht verändern, aber das ist unmöglich…

Was sich anhört wie der nächste Albumtitel von Sido oder Haftbefehl, ist tatsächlich Realität geworden. Ich habe mich verändert und es ist unmöglich, es nicht zu tun. Ich lebe alleine, das erste Mal, ganz ohne Freund oder sonstwen, ich bin 500km von allen entfernt, die mir bis vor Kurzem noch alles bedeutet haben (das heißt nicht, dass sie mir nichts mehr bedeuten, das heißt nur, dass neue Menschen dazugekommen sind, die mir was bedeuten) und ich muss selber lernen, etwas zu tun.

Es ist wirklich lächerlich, wenn man sich das vorstellt, ich studiere (schon viel zu lange, aber gut, ich studiere) und habe mein Abitur an einem Gymnasium abgeschlossen. Trotzdem kann ich keine einzige Lampe anschließen, ich weiß nicht, wo man irgendeinen Schlauch von einer Waschmaschine reinsteckt oder dass die auch ein Flusensieb haben kann, ich weiß nicht, dass man Gas und Strom einzeln anmelden muss, wenn man umzieht und vor allem nicht, WO man das tut, ich musste mein Internet selber anmelden und den Router alleine einrichten (klappt übrigens noch immer nicht und die Telekom will dafür 100€ haben, geht’s?), selber streichen, alleine umziehen, ohne Auto und mit Grippe auf Antibiotikum Farbeimer in einer Tram durch Berlin schleifen hoch in den 4. Stock Altbau, ich hatte keine Ahnung von Fernsehkabeln und Anschlüssen, ich habe ewig gebraucht, um mir das Schubladenbesteckplastikordnungsdingsda zu kaufen, weil ich es immer wieder vergessen habe, und mit wem gehe ich überhaupt, wenn ich viel geschafft habe, abends etwas trinken? Ich kann aber Gedichte analysieren, das habe ich 13 Jahre lang gelernt. Immerhin.
Ich habe kein Auto mehr und muss gucken, wie ich nach Hause komme, wenn ich Abends was trinken war, wenn ich den wen gefunden habe, ich brauche für 5km keine 5min mehr, sondern 30-40min, dafür ist aber auch alles, was ich brauche, innerhalb von 5km zu finden und nicht innerhalb von 30-40km. Ich kann mir alles kaufen, was ich will, was schlimm ist, denn ich kaufe sehr gerne sehr viel, nur mein Bankkonto leider nicht, denn habe ich schon erwähnt, wie hoch die Mieten sind, wenn man wo lebt, wo alle leben wollen?

Aber langsam komme ich an.

Ich habe Leute kennengelernt und Freunde gefunden, die mir wichtig sind. Ich vermisse auch noch immer Menschen aus dem Sauerland, auch sicher welche, die es nicht einmal wissen und denen ich es nicht sage, weil ich nicht weiß, wie ich das anstellen kann und wahrscheinlich interessiert es sie auch gar nicht weiter, denn ich bin weitergezogen, habe mich weiterentwickelt, und erreiche hoffentlich, in Worten von Pokémon Go, bald Level 5, sodass ich endlich kämpfen kann, mit Steuern und Bewerbungen und Bachelorarbeit (dauert noch).
Ich bin an der Zeit hier gewachsen. Ich bin älter geworden, dabei bin ich gar nicht so viel älter geworden, in den 10 Monaten. Ich habe gelernt, bei Menschen, die mir nicht gut tun oder gut getan haben, durchzugreifen. Ich brauche sie nicht mehr. Ich habe gelernt, dass man sehr viel mehr schaffen kann, wenn man es denn wirklich will. Ich habe gelernt, auf ganz eigenen Füßen zu stehen, und auch wenn ich mich noch immer vor meinen Steuern drücke und die GEZ HASSE!!!!!!!, so finde ich langsam den Weg, der der richtige für mich ist.

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4 Comments

  • Reply Corinna 14. Juli 2016 at 19:02

    Hey, mich würde einfach mal interessieren, was du eigentlich studierst & was du am liebsten mal machen möchtest (falls du es schon weißt)?

  • Reply Melli 20. Juli 2016 at 5:26

    Was du studierst interessiert mich ebenfalls sehr (:

  • Reply Inessa Radostin 21. Juli 2016 at 19:58

    Love the shoes, great post!

    xx,
    Inessa

    http://www.inessaradostin.com

  • Reply Berlin Tipps: FACCE deli – FASHIONLUNCH 8. Oktober 2016 at 9:19

    […] ihr wissen wollt, was Berlin aus mir gemacht hat, lest doch mal hier […]

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