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Literatur: Bumm Bumm Bumm.

7. Oktober 2015

Ich sitze im Zug und denke an all das, was ich im Leben verpasst habe – dabei bin ich doch gerade erst 25 geworden. Und doch gibt es Tage, an denen fühle ich mich alt, so alt, wie sich keine 25jährige fühlen sollte. Die Landschaft rast heran und ich versuche mit meinem Handy die Wolken, die so bedrohlich und schwarz sind wie meine Gedanken an den melancholischsten Tagen im Jahr, einzufangen, aber es gelingt mir nicht – das Licht im Innenraum ist zu hell. Irgendwie eine schöne Metapher. Das Licht ist zu hell, um das Dunkle zu erfassen. Wenn es doch nur so einfach wäre, immer. Aber momentan bin ich eigentlich zufrieden. Ich habe einen Job, endlich das, was ich schon immer wollte, und ich glaube, ich kann das ganz besonders gut. Ich weiß, sowas sagt man nicht. Ich sage das aber nicht, weil ich mich so toll finde, sondern weil ich den Job so toll finde, dass ich alles dafür geben möchte, dass ich ganz besonders gut sein will, das Beste meiner Selbst.

Ich muss umsteigen. Die Bahn hat Verspätung, schon wieder. Langsam, seitdem ich nur noch pendle, weiß ich, wieso alle immer über die Unpünktlichkeit der Bahn fluchen. Aber ich ärgere mich nicht, ich bin nur müde und seit Stunden unterwegs. Ich möchte ankommen, in irgendwelche Arme, die auf mich gewartet haben und mich lieben, auch wenn ich mal nicht ganz besonders gut bin, sondern das Schlimmste meiner Selbst.

Ich renne die Treppen hinunter, Bumm Bumm Bumm, meine Schuhe schlagen auf den nassen Asphalt auf und ich renne schneller, und in solchen Sekunden bin ich schneller als meine Melancholie oder Müdigkeit, aber nur kurz.

Ich erreiche meinen Zug, Gott sei Dank, ich bin jetzt schon eine Stunde zu spät und wenn ich diesen hier verpasst hätte, würde ich den letzten Anschluss nicht erreichen. Ich bin wirklich müde, ich bin seit 6 Stunden unterwegs, 500km liegen hinter mir, noch 100 vor mir. Ich spiele ein bisschen dieses komische, neue Spiel 1010!, wie Tetris. Ich bin wirklich schlecht darin, mein Highscore liegt bei 2500, während meine Freundin irgendwas mit 31.000 hat. Nach 10min langweile ich mich und rufe erst einmal meinen Vater an, meinen heißgeliebten Papa, und sage ihm, dass ich mindestens eine Stunde Verspätung habe, aber nun im Zug sitze.

Und da merke ich es. Der Zug fährt nicht los. Ich verabschiede mich und gucke mich um. Wie konnte ich das nicht gemerkt haben? Ich sitze gute 10 Minuten in einem bewegungslosen Zug. Ich fange an, mich aufzuregen, aber richtig. Das kann ja wohl nicht sein, neben der Stunde Verspätung kommen jetzt nochmal mindestens 15min drauf, ich kriege den Anschluss nicht und jemand muss mich vom Bahnhof abholen, wo ich umsteigen müsste – das sind immerhin 85km eine Strecke. Ich denke an all das, was mich nervt, wie müde ich bin, wie hungrig ich bin, wie ausgelaugt ich mich fühle, ich ich ich und ich werde nur aus meiner abartigen Ichbezogenheit herauskatapultiert, weil der Zug in ein flackerndes Blau eingetaucht wird. Bumm Bumm Bumm, mein Herz beginnt zu rasen, was ist hier los? Liegt hier eine Bombe, werden wir sterben? Und wieder denke ich an mich, ich weiß nicht, ob ich einfach nur menschlich bin oder einfach nur furchtbar schrecklich. Aber es ist keine Polizei, sondern ein Krankenwagen und endlich, endlich drehe ich meinen Kopf und tauche auf aus meinen eigenen Gedanken, und sehe, dass nicht einmal 100m weiter jemand auf dem Boden liegt. Ich sehe silbernes Haar, aber nicht weiß. Und Panik. Da liegt jemand und bewegt sich nicht. Mir wird heiß, ich schäme mich und sehe, alle anderen schauen hin. Ich frage, was hier los ist, sage, dass ich sowas nicht kenne, ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Jemand pflaumt mich an, ja natürlich ist das schlimm, aber kann man halt nichts machen, ne. Der neben mir ruft entnervt irgendwen an und sagt, er wird zu spät kommen, “weil hier schon wieder irgendwas passiert ist”.

Neben mir wird ein Tshirt aufgeschnitten, die Herzmassage bringt nichts mehr, der Defibrillator zischt und bumm bumm bumm, bitte Herz, fang an zu schlagen, aber alles, was ich höre, ist ein lebloser Körper, der zurücksackt. Ich schreibe meiner Mutter, meiner heißgeliebten Mama, ich kann das nicht, wie neben mir jemand kämpft, Ärzte und der Mensch am Boden, alle mit dem Ziel, das Leben zurückzuholen, damit der Mensch dort, vielleicht Vater, aber sicher bester Freund, mit eigener Geschichte, eigenen Gedanken, mit einer Wohnung, einem Kleiderschrank mit Lieblingsteilen, vielleicht isst er besonders gerne Nudeln und mag keinen Reis, zu uns zurückkommt. Ich sage ihr, ich kann das nicht, wie abartig genervt manche hier gucken, dass ich am liebsten dem Typen neben mir das scheiß Handy aus der Hand schlagen würde, ihn anschreien, wie kannst du nur genervt sein, wen interessiert dein Zug jetzt, hier “ist nicht wieder irgendwas passiert”, hier passiert das natürlichste und doch schlimmste, was passieren kann – jemand stirbt, inmitten von Fremden, während er woanders geliebt wird. Mir wird schlecht. Ich kenne dich nicht, aber bitte, bitte, schaffe es.

Ich fühle mich so jung, wie sich keine 25jährige fühlen sollte, ich habe Angst, zu zerbrechen, ich weiß doch gar nicht, wie man mit sowas umgehen soll. Ich bin erwachsen, aber gibt es hier um mich rum nicht irgendeinen erwachseneren Erwachsenen? Mama bleibt mit mir wach, am Handy.

Ich höre, wie jemand sagt, dass sie im Krankenwagen keine Leiche abtransportieren müssen, da muss erst ein Wagen für kommen, und das kann dauern. Ich höre den genervten Unterton. Und da explodiert etwas in mir. Ich drehe mich zu der Stimme um und will gerade anfangen, keine netten Dinge zu sagen, als sich etwas tut – die Trage wird geholt, eine Lösung wird gespritzt. Eine Trage wird geholt, kein Leichenwagen. Nach 20min Kampf, ich weiß nicht, was das heißt, aber vielleicht nicht das schlimmste.  Ich sehe die Anstrengung der Ärzte in ihren Gesichtern, den Willen, diesen Menschen dort auf dem Boden, den dreckigen, elendigen Boden, zu retten. Sie tun alles. Sie geben nicht auf. Ich habe Ärzte noch nie so gesehen, wie jetzt. Ärzte sollten Fünfhundertmilliarden Euro im Monat kriegen, dafür, dass sie alles, was sie können, tun, um uns und unsere geliebten Menschen retten. Ein Fremder will einen anderen Fremden retten und tut alles, was er kann. Nach 15min hätten sie aufgeben können, aber niemand hat auch nur daran gedacht.

Die Trage rollt weg, Bumm Bumm Bumm, die Räder hinterlassen ein monotones Sausen in meinen Ohren.

Bumm Bumm Bumm – ein neuer Herzschlag, ein Herz mehr schlägt, endlich, in meinem Umfeld. Und das macht mich so so glücklich.

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Ich kenne dich nicht, aber ich hoffe, du hast es geschafft.

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9 Comments

  • Reply Mama 7. Oktober 2015 at 20:04

    So eine tolle, auf den Punkt treffende Beschreibung der letzten Nacht! Er hat es ganz sicher geschafft, weil die Ärzte in ihrem Job und wir beide am Handy hoffend ALLES gegeben haben ??

  • Reply Deliah 8. Oktober 2015 at 1:20

    oh tara, so schön und traurig und hoffnungsvoll zugleich. <3

  • Reply Mirijam 8. Oktober 2015 at 11:03

    Liebste Tara,

    ich bin nun schon seit Jahren stille Mitleserin von deinem Blog (hab dich damals in einem Beitrag in Kleiderkreisel “gefunden”) und muss dir nun endlich schreiben. Ich weine hier gerade, weil du so unglaublich gut schreibst, du drückst das aus, was man selbst nicht in Worte fassen kann. Ich danke dir von Herzen, dass ich dich schon so lange unerkannt begleiten darf und ich freue mich jedes Mal riesig, wenn ich wieder etwas von dir lesen kann. Ich wünsche dir viel Kraft auf deinem weiteren Lebensweg und hoffe, dass es noch sehr lange die Möglichkeit gibt, von dir zu hören.
    Gut, genug geschnulzt, alles Liebe,

    Mirijam

  • Reply Kathi 9. Oktober 2015 at 7:23

    Hallo Tara,
    schrecklich, ich hoffe, dass mir niemals so etwas Schlimmes passieren wird! Ich könnte es auch gar nicht ertragen, wenn ich sehen würde, wie jemand sein Leben vor meinen Augen verliert! Zum Glück konnte die Ärzte ihn retten! Und ich finde, dass du diese Geschichte in genau die richtigen Worte gepackt hast – nicht mitleiderregend, nicht sensationsheischend, sondern eben einfach packend. Und man denkt nach – das schadet nie.
    Alles Liebe,
    Kathi

  • Reply Simone Hencke 14. Oktober 2015 at 19:49

    Wow! Wie es schon jemand vor mir in den Kommentaren beschrieben hat, es war so traurig, herzzerbrechend und voller Hoffnung zugleich. Ich konnte richtig gut in die Handlung eintauchen, es ist wirklich so, so schön geschrieben. Ich glaube ich werde jetzt damit anfangen, den Rest dieses Blogs zu durchforsten und mehr von deinen Geschichten zu suchen! <3

  • Reply Ziska 21. Oktober 2015 at 21:29

    Herzklopfen. Bumm. Bumm. Bumm.
    Deine Worte haben mich erschreckt, ich musste an eine Geschichte in meiner Familie denken.
    Ich hab deine Worte mehrmals gelesen, immer wieder, weil es mich schockiert hat und ich gleichzeitig gefühlt hab, dass mein Herz schlägt und das der Menschen um mich rum auch. Ich hab gespürt, wie dein Schock in einen Zustand der Erleichterung überging.
    Eine schreckliche Erfahrung, die du da gemacht hast… Ich hoffe, dass du nicht mehr allzu viel darüber nachdenken musst.
    Und ich hoffe, dass dir dieses von der Seele schreiben etwas nützt. Dass du dich leichter fühlst. Behalt dir deine Worte. Sie sind ergreifend. Beängstigend. Und hoffnungsvoll.
    Liebe Grüße, Ziska

  • Reply Vivien 25. Oktober 2015 at 18:59

    Wahnsinnig berührend, habe immer noch Gänsehaut! Ich hoffe auch sehr, er hat es geschafft..

  • Reply dahi. 27. Oktober 2015 at 13:16

    die gedanken wie du dich fühlst, mit 25, habe ich manchmal auch, mit 27. auch immernoch zu jung dafür. du schreibst so plastisch und atmosphärisch, dass man das gefühl bekommt, direkt dabei zu sein. als würdest du in die seele der situation schauen. mir war mulmig, schwindelig als ich deine geschichte las. und melancholisch, und verstanden. du hast ein großes talent, tara.

  • Reply Sabi 6. Oktober 2016 at 22:22

    Toll! Einfach toll!
    Nicht nur dass dieser Mensch wohl gerettet wurde, sondern wie du das schreibst. Da habe ich Tränen in den Augen

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