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Literatur: Der alte Mann und das Schachbrett

22. Februar 2016

Ich schlendere durch den Park in der Stadt, in der ich rumhänge und die mich hängen lässt, weil ich zu groß bin, um mich klein zu fühlen, aber die Stadt zu groß ist, um sich stark zu fühlen.

Ein Mann fällt mir ins Auge, Haut wie Papier und Falten um die Augen, die das Leben gezeichnet hat. Vielleicht war er Kapitän eines Fischkutters und der Wind hat ihm die Falten ins Gesicht gepeitscht. Vielleicht war er Anwalt und die Sorgen und Diskussionen haben ihm die Falten ins Gesicht geschrieben. Vielleicht hat er viel getan und viele Spuren gesammelt. Aber er scheint einsam zu sein. Er sitzt dort, auf einer Steinbank, grau und trist, der einzige kalte Ort in diesem Park, ein Schachbrett vor sich. Er konzentriert sich auf den nächsten Schritt, dabei ist niemand da, der mit ihm spielt.

Ich nähere mich langsam, stetig, ich werde angezogen und er zieht mein Inneres auseinander, als er hochblickt, mit den Augen, die alles schon zwei mal gesehen haben – mindestens.

“Setz dich. Du brauchst eine Auszeit.” Seine Stimme klingt wie jahrhundertaltes, goldenes Harz auf Kiefertannen. Rau. Golden.

“Gegen wen spielst du?” frage ich ihn. Ich bin zu direkt – ich weiß. Ich weiß.
“Gegen mich.”
“Du spielst gegen dich selbst?!”, frage ich ihn verdutzt. Damit habe ich nicht gerechnet. Also nur noch ein Verrückter in dieser großen Stadt, dieser zu großen Stadt.
“Du auch, mein Kind. Wir alle. Manchmal spiele ich gegen mich, manchmal kämpfe ich gegen mich. Aber immer gegen mich. Für mich.”

Er schaut mich nichtmal an. Aber er lächelt. Das Grau der Steinbank wirkt Sepia, irgendwie wird die Zeit um ihn herum wie dickflüssiger Honig, langsam, langsam…

“Du spielst für dich gegen dich?! Was bist du, alter Mann, verrückt?!” Langsam werde ich ungeduldig. Ich komme nicht hinterher. Ich will wissen, was er meint, dabei könnte es mir egal sein, ich weiß.

“Verrückt ist der, der denkt, er würde das, was ich hier tue, nicht tun. Niemals. Schau dich um. Die Mutter dort drüben, die ihr Kind nicht beruhigt kriegt. Siehst du ihren entnervten Blick? Es liegt nicht daran, dass das Kind so laut schreit. Es liegt daran, dass sie sich im Inneren selbst anschreit. Wieso sie es nicht schafft, die perfekte Mutter zu sein. Wieso alles so mühselig ist. Dabei ist sie perfekt, denn sie liebt ihr Kind. Und das ist wichtig. Und das Paar da hinten? Sie beide wollen der eine Partner sein, für immer. Dafür muss man zurückstecken, für sich oder gegen sich und für den anderen. Und du, mit deinen leeren Augen und dem vollen Herzen, du pachtest dunkle Wolken über deinem Kopf und grübelst und machst dich zu deinem größten Feind, ohne es zu merken.”
Er blickt nicht auf. Noch immer nicht.
“Schach Matt.” Der König fällt. Der Vorhang fällt. Der Selbstschutz fällt.
Endlich, endlich schaut er mich an.
“Und wieder habe ich gegen mich gewonnen. Es sah nicht gut aus, ich dachte, es wird nicht klappen. Ich dachte, ich verliere diesen Kampf. Aber am Ende wurde alles anders. Am Ende wurde es einfach…gut.”

“Wieso hast du so viele Falten?”
Mehr schaffe ich nicht zu sagen.
Sein lautes Lachen erhellt den Park und mein Gemüt.
“Ich habe geliebt. Viel und heftig. Und gelacht. Viel und heftig. Und geweint. Viel und heftig. Und gegen mich gewonnen, immer und immer wieder.”

Mit diesen Worten steht er auf, von der hellsten weißen Bank, die ich je gesehen habe und er geht weiter, ohne das Schachbrett, weiter durch den Park im Frühling, dabei ist es noch Winter und die Bank ist grau.
Es kommt nur darauf an, wie man es sieht. Nur darauf.

Ich war danach jeden Tag im Park. Die Stadt wurde mir immer vertrauter, ich wurde mir immer vertrauter – ich habe sogar Schach spielen gelernt.
Aber ich habe ihn nie wieder gesehen.

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1 Comment

  • Reply Tatjana 23. Februar 2016 at 8:58

    wow!! gänsehaut pur!!

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