#taratalks LIFESTYLE

Literatur: Der Egoist der Gefühle

27. Dezember 2016

Es gibt Tage, an denen ich mir wünsche, es gäbe keinen weiteren Tag mehr. Es gibt Menschen, bei denen man sich wünscht, es gäbe nie wieder einen anderen in deinem Leben. Und dann wachst du eines morgens auf und merkst, du bist zerbrochen, du und alles, was du dachtest, das du bist, und du weißt gar nicht, wie das passiert ist, denn du bist ja gar nicht runtergefallen.


 

“Wie geht etwas kaputt, wenn es nicht hinfällt? Und wieso hat Einsamkeit nichts damit zu tun, wie viele Leute in einem Raum sind? Und warum fällt mir Atmen schwer und Weinen leicht, das erste Mal seit dem letzten Mal? Wann sind Fehler schwer und wann fühle ich mich wieder leicht? Und wieso willst du nur immer diese Leichtigkeit im Leben?


 

Ich habe immer über die Leute gelacht, die sich mit den banalen Dingen des Lebens beschäftigt haben. “Den find ich toll, mag er mich auch, ich mag ihn, vielleicht auch nicht, er schreibt mir oder nicht oder beide, hihihi.” Es ist nichts wert, wenn dir Leute schreiben, die anderen schreiben, oder du  anderen schreibst und überhaupt ist Schreiben doch irgendwie so viel intimer als “wir werden uns heute noch sehen, hihi!”. Ich hatte und habe immer eine andere Vorstellung von Liebe gehabt. Älter als der Rest, vielleicht. Egal, wie man aussieht, vielleicht. Wichtig ist, dass man sich anguckt, und weiß, dass man sich sieht. Das passiert nur nie. Fast nie.
Aber was dann? Wann weiß man, dass das passiert und kann man dem dann nachgeben? Passt das gerade ins Leben, passt das überhaupt in irgendein Leben, sich gehen zu lassen, wegzugehen, zu jemandem hinzugehen, von jemandem wegzugehen? Und wieso muss man immer selber gehen und wann kommt jemand zu mir?


“Liebe ist so schwierig. Alle sagen immer, dass sie einfach ist, ehrlich, man wisse, wann sie da ist, aber das stimmt nicht.
Man weiß niemals, wann sie kommt oder geht. Alles ist schleichend und trotzdem ohrenbetäubend laut. Mein Trommelfell ist zu oft geplatzt und mein Herz zu wenig gebrochen, zu heftig vielleicht, als dass ich behaupten könnte, Liebe ist einfach, Liebe ist leise, Liebe ist laut. Liebe ist schön, aber ist sie das wirklich? Und was genau heißt das überhaupt.”


Liebe ist ein Gefühl, was heißt, sie ist nicht greifbar. Und all die händchenhaltenden, sich küssenden, im Bett wälzenden Pärchen lieben vielleicht nicht einander, sondern nur sich selbst mehr im Beisammensein dieser Person. Vielleicht lieben sie sich nicht, sondern das Gefühl, was sie bekommen, wenn sie mit der Person zusammen sind. Vielleicht finden sie es schön, schön gefunden zu werden. Vielleicht lieben sie, wie du schreibst, aber nicht den Kopf dahinter, nicht die Hand, die das verfasst, was du so gerne liest, abends, wenn du nichts mehr zu tun hast und dir langweilig wird. Wird dir langweilig oder wirst du nervös, wenn du denkst, es geht um dich, weil du magst, wie ich an dich denke, oder du magst, dass jemand an dich  denkt, weil es um dich geht?

Wollen wir die große Liebe haben oder viele kleinen, suchen wir die Eine oder den Einen und wann weiß man, wer das jetzt war? Vielleicht war es jemand in der Sbahn oder der erste Freund, oder der letzte, oder der dazwischen, wie hieß er noch gleich, damals auf der Party und danach in deinem Bett, den du unbedingt loswerden wolltest und ein, zwei Kaffeedates mehr und du wärst ihm vielleicht hoffnungslos verfallen.

Hoffnungslos ist all das Suchen nach dieser einzigartigen, großen, Liebe, weil wir denken, wenn wir lieben, dann sind wir wer und wenn wir geliebt werden, dann sind wir besser. Wir brauchen Bestätigung und jemanden, der uns hochholt, wenn wir unten sind, und uns runterholt, wenn wir zu weit oben sind.


Und vielleicht gibt es diese Begegnungen, in denen man erkennt, dass irgendwer da oben, werauchimmerdaist, einen Pinsel und einen Eimer hatte und mit einem Pinsel zwei Menschen gemalt hat. Wir alle glauben an die eine Verbindung, das tiefgreifende, aufwühlende, alles verzehrende, große Ganze. Aber wann erkennt man es, vor allem, wenn man selbst nicht mehr ganz genug ist, um ganz zu sein?


Was ist, wenn wir selbst zu sehr damit beschäftigt sind, die Teile unserer Selbst aufzusammeln, und all die Leben, die wir waren und geplant hatten, mit wemauchimmerdawar, vielleicht mit dir oder doch dem Nachbarn oder wie hieß er noch gleich.
Was ist, wenn ein Blick eben doch mehr sagt als tausend Worte, die Worte dahinter aber gar nicht interessieren? Was ist, wenn du liebst, wie du mich siehst aus deinen Augen, ich aber nicht so bin und du nur das magst, was du hereininterpretierst? Und wann, wie lange, wie hoch hinaus, wird all das dauern, wenn es nicht sogar schon vorbei ist, bevor es anfing? Ab wann  fängt etwas an aufzuhören? Wenn du dir Tür hinter dir zumachst oder als du sie, vielleicht vor 9 Monaten, bei einem kleinen Streit, weißt du noch, einfach zugemacht hast, um Luft abzulassen und ich merkte, die Luft, die ist schon lange nicht mehr da und das Atmen fällt mir schwer, schwer, schwer.

Wie das erste mal Sauerstoff atmen. Leichter. Schwerer. Warum tut das so weh. Warum merke ich so viel. Warum fühle ich so wenig. Wann bin ich zerbrochen, ohne hinzufallen? Welche Augenfarbe hat die Liebe? Braun, Blau, Grün, die eigene, die andere, keine oder alle – und schaut sie dich überhaupt an?

Wann weiß man, wann man gehen soll, wann muss man sich umdrehen, um zu wem genau zu laufen? Wenn ich betrunken in einem Raum wäre mit all den Menschen, die ich je geliebt habe, liebe, wenliebeich, liebeichgerade?, in wessen Arme würde ich  fallen? Und würde ich fallen, und falle ich gerade? Und heißt Weinen dass man zusammenbricht oder ausbricht?

Vielleicht liebst du die Vorstellung von mir. Wie du mich siehst, weil du mich gerne so sehen würdest. Vielleicht bin ich gar nicht wichtig, sondern  du brauchst nur jemanden, der dir das Gefühl gibt, wichtig zu sein. Vielleicht ist es dir egal und du weißt es nur noch nicht. Vielleicht bricht es mir das Herz und ich weiß es nur noch nicht. Vielleicht lieben wir gar nicht, sondern nur das Gefühl, was wir durch die Person bekommen. Eine neue Version von uns selbst. Vielleicht sind wir verfluchte Scheiß-Egomanen und finden es einfach geil, wenn uns jemand geil findet.
Aber. Aber. Aber vielleicht. Vielleicht lieben wir uns zu sehr. Weil wir sind, wer wir sind, und irgendwo, werauchimmer, hat doch einen Pinsel in einen Eimer Farbe getunkt und uns beide gemalt, mit der selben Farbe.

 

 

 

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2 Comments

  • Reply Heinz 28. Dezember 2016 at 16:02

    wunderschöner text

  • Reply Berivan 2. Januar 2017 at 2:05

    Unfassbar, was du mit Worten schaffst..wow

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