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Literatur: Ich bin nicht Truman, ich bin Tara

26. April 2018

“Die Truman Show” ist ein Film, der mich schon als Kind sehr bewegt hat. Ich habe nicht genau verstanden, was da passiert – geht man davon aus, dass ich zu diesem Zeitpunkt 7 oder 8 war.
Was ich aber verstanden habe, ist die Tatsache, dass da ein Mensch medial ausgeschlachtet wird.
Dass auf Kosten von dem Vergnügen der anderen Leute ein einziges Menschenleben gefilmt wird, verfolgt wird, niemals Ruhe hat, niemals auch nur einen wahren Freund hatte.

Diese Utopie hat mich damals fast verrückt werden lassen – ich bin monate- wenn nicht sogar jahrelang in dem Glauben rumgelaufen, dass das sicher irgendwann mal die Realität sein kann.
Ich habe immer daran festgehalten, dass ich genau das, was da passiert ist, niemals erleben möchte.
Auch die Idee von George Owells 1984 hat mich dann, Jahre später, in der Schule schockiert: und doch ist das, was alle fürchteten und als “das Schlimmste vom Schlimmen” abtaten, Jahre später eingetreten. Jetzt sind wir hier, bei YouTube, in Daily Vlogs und verfolgen fremde Leben, während wir unser eigenes zu langweilig finden.

Mit dem Aufkommen von Snapchat haben mich viele Leute gefragt, wieso ich vehement gegen Snapchat an sich bin: ich wollte nie eine App EXTRA nur dafür installieren, um genau das zu tun, was alle Leute ja gerade zu dieser Zeit im Buch “The Circle” so schrecklich fanden – sich selbst quasi non-stop filmen und anonymen Zuschauern, irgendwelchen Nicknames, einer einzigen Zahl, erzählen, was das Lieblingsessen ist oder was mir gerade verrücktes im Taxi passiert ist.

Auch war ich eine Zeit lang Videobloggerin für Yahoo. Ich bekomme immer wieder in Agenturen oder auf Events gesagt, dass ich ganz anders sei als meine Texte – nicht melancholisch, sondern witzig, sarkastisch. Ich halte Vorträge und rede auch gerne vor Leuten – wenn es einen Sinn hat.
Mir wird gesagt “dein Medium ist das Video, Fernsehen wäre dein Ding!” und doch, genau dahin will ich nicht.
Moderation vielleicht, aber nicht unbedingt. Aber alles andere fällt für mich flach.

Ich will nicht um jeden Preis berühmt sein.
Eigentlich will ich gar nicht berühmt sein.
Ich will mein Leben nicht mit euch teilen – sondern das, was ich sehe oder denke.
Ich will keine Influencerin sein aufgrund meiner Person, sondern eine normale Bloggerin: ich möchte Content generieren, den ihr euch gerne anguckt, und nicht der Content sein, den ihr euch gerne anguckt.

Na klar, ein Selfie hier, ein Outfitfoto da, das kann man alles machen – aber früher berühmt sein ein Nebeneffekt von Talent. Heute ist Berühmt-Sein der Berufswunsch: “Mit was?” “Wie, mit was? Mit mir natürlich!”
Leute nennen sich selbst Influencer, weil sie von sich selbst denken, dass sie wichtig genug sind, um andere Menschen zu “influencen”, aber ich verrate euch was: Influencer, die sich selbst Influencer nennen, sind alles – nur eben keine Influencer.

Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich wahrscheinlich kein gutes Beispiel für die mediale Welt bin: Ich höre keine Podcasts, ich habe noch nie freiwillig irgendeiner Youtuberin bei irgendwas zugeguckt und ich habe Snapchat nie verstanden.
Ich sehe den Sinn darin nicht, diese Sensationsgeilheit, all das ist völlig an mir vorbeigegangen.
Ich dachte immer, das hätte vielleicht was mit dem Alter zu tun und vielleicht stimmt das auch zum Teil, denn vor allem Teenager schließen sich gerade dem “aktuellen Kult” an, und waren das bei mir Popstars wie Britney und die Backstreet Boys sind es nun halt YouTuber.

Doch was ist das für eine Entwicklung? Wir wollen unserem Star immer näher sein, wir sehen uns DAILY VLOGS an, ein Leben vor der Kamera und das “und genau DIESES Müsli esse ich jeden Morgen / FitTea trinke ich täglich und seitdem fühle ich mich viel besser” ist Normalität geworden, hat man während der Truman Show noch völlig verstört den Kopf darüber geschüttelt.

Wurde in der Truman Show ein Mensch brutal in dieses Rampenlicht gezerrt und zur Begeisterung fremder Leute ausgeschlachtet, so ist das heute gar keine Option mehr: die Leute machen das freiwillig. Sie ziehen sich aus für nichts, umsonst. Sie offenbaren sich, sie zeigen alles von sich, um mehr Klicks zu generieren, mehr Follower, mehr Engagement, mehr, mehr, mehr.

Die Blogger, denen ich damals gefolgt bin, sind alle nicht mehr da. Entweder sie blieben, wer sie waren und sind nun völlig uninteressant, da zu angezogen, oder aber sie sind der “Maschinere der schnellen Likes” zum Opfer gefallen. Alles wird bunter und nackter und SUPI und alles muss SPAß machen und total NATÜRLICH sein, sonst macht das ganze influencen ja keinen Sinn, oder?

Ich weiß, ich verbaue mir viel: ich könnte viel mehr Geld haben, würde ich doch endlich jede Tee- und Hautcremé-Kampagne annehmen.
Ich könnte viel mehr Follower haben. Würde ich doch endlich nur den ganzen Tag filmen, was ich mache,  darüber reden, wer ich WIRKLICH bin (weiß ich übrigens nicht, keine Ahnung), mich viel mehr in irgendwelche Sonnenuntergänge stellen und sie von Orange zu Pink photoshoppen, nur damit ihr alle zum 100. mal das gleiche Bild mit einer anderen Person liked und euch eigentlich endlich einmal eingestehen müsstet, dass es scheißegal ist, wer da steht, hauptsache die Welt ist einfach beschissen rosa und schön, während ihr selbst vor Liebeskummer oder Jobfrust zerfließt.

Aber das bin ich nicht. Ich will nicht Truman sein, und ich will auch keine Show für euch abziehen, damit ihr öfter reinschaltet.
Ich will weiterhin ich selbst sein. Ich will Tara sein, ich will Bilder machen und ich will Texte schreiben und ich will, dass ihr das gut finden – oder auch nicht, wie ihr wollt! – ohne dass ihr wisst, was ich JEDEN TAG zum frühstück hatte, während ich JEDEN TAG durchgestyled halbnackt in der Küche abhänge und euch erzähle, wie scheiße geil mein ganzes Influencerleben doch wieder ist.

Das ist nicht die Realität. Und das bin nicht ich.

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3 Comments

  • Reply Lisa 27. April 2018 at 6:52

    Ein toller Text! Ich würde den tatsächlich genau so unterschreiben. Ich gebe zwar zu, dass ich selbst auch gerne Instastories und Vlogs schaue aber für mich selbst ist das in dem Umfang einfach nichts. Meinen ganzen Alltag filmen und stundenlang in die Kamera sprechen und erzählen, was ich alles vor habe. Das bin ich auch einfach nicht.

  • Reply Anni Pastel 27. April 2018 at 7:21

    Ein ganz toller Post, der voller wahrer Worte steckt. Und vor allem finde ich die Aussage toll, dass einige Menschen sich so wichtig nehmen, dass sie denken sie würden andere Menschen “influencen“.
    Ich sehe das auch jeden Tag bei meinen Schülern; Instagramer und YouTuber sind DIE Wunschjobs…

    Liebe Grüße,
    Anni

  • Reply Nicole 29. April 2018 at 17:32

    Ein wunderbarer Text. Genau deshalb mag ich deinen Blog so. Du bist echt. Findet man in dieser gestellten Zuckerwatten-Instagram-Welt leider viel zu selten.

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