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#taratalks: Intimität sind keine wilden Küsse

9. Juli 2018

Die Erde bewegt sich…

… pro Sekunde knapp 30km und wir merken nichts davon. Wir leben unser Leben und teilen es manchmal mit manchen Leuten und doch, meist sind wir allein und das ist okay, weil wir das so kennen.
Wir sind unser eigener Planet und denken, wir waren intim mit jemandem, wenn er uns nackt gesehen hat oder küssen durfte.

Und irgendwann, der Tag fängt an wie jeder andere, vielleicht ein Sommertag im August, stehen wir vor einem anderen Menschen und geben ihm die Hand und merken die volle Wucht der Geschwindigkeit – oder eben, wie die Erde aufhört, sich zu drehen.
Wir schwanken, wanken, winken ab, “nicht so schlimm”, und doch: wir können kaum noch atmen.

Wir verstehen die Welt nicht mehr oder gerade erst zum ersten Mal und fühlen uns nicht wohl, denn manchmal, da weiss man genau in einem gewissen Moment, das Leben, das man bis dahin kannte, wird nie wieder das selbe sein.

Das kann alles Mögliche sein: ein Blick, ein Satz, ein Händedruck, ein Lied oder ein Jobangebot. Ein paar Sekunden und Jahre verändern sich und ein neues paar Augen, brauner als der Rest, wacher als alles, eine neue Hand in deiner – und deine Umlaufbahn hat sich verändert und kollidiert und implodiert und das ganze Chaos in dir drin kompensierst du mit: “Freut mich auch, hallo.”

Das Konzept von Leben und Liebe kann sich mit einer einzigen Person verändern. Das Gefühl, nicht nur zusammen zu sein, sondern zusammen ZUSAMMEN zu sein. Zu wissen, wann der andere satt ist, einfach weil sich während des Essens die Körperhaltung verändert, der Blick in die Ferne schweift.
Zu wissen, welches Lied gemocht wird, anhand der Akkordfolgen oder Tonlagen.
Buchstaben, die Bedeutungen haben, eine kleine Welt, die zusammen existiert, die Bedeutung eines Teams kennenlernen und auch nach vier Jahren noch Weltmeister bleiben, oder zumindest die Meister der eigenen Welt.

Der größte Fan, der größte Kritiker, beides, gleichzeitig oder währenddessen, ein Blick beim Abendessen, Kurzurlaub in den Armen des Anderen, Erdbeben bei Streit und Abflug, Entkleben vom Boden, Schweben, Schweben, Schweben.

Intimität, das bedeutet nicht unbedingt, sich nackt zu sehen. Nackt sind wir alle irgendwann und miteinander schlafen kann auch jeder, das ist keine Kunst und reine Biologie.

Aktion, Reaktion, irgendwas passiert, aber Körper und Seele, das ist nicht das Gleiche.

“It was just a fuck, like a handshake” – vielleicht hatte Frida Kahlos Ehemann Diego recht, vielleicht auch nicht. Vielleicht bedeutet es nicht immer alles.
Intimität, das heisst nicht immer, Sex zu haben und Sex zu haben heisst nicht, “Liebe machen”.

Intimität bedeutet, zu wissen, worüber der andere lacht und jedes Grübchen zu kennen.
Intimität  bedeutet, zu erkennen, wann ein Thema angespannt wird und es gehen lässt, obwohl es einen selbst noch stört – für den anderen.
Intim sein, das ist, wenn man die Schläfen des anderen massiert, damit die Kopfschmerzen nachlassen, oder die Haarspitzen krault oder einen Tee ans Bett bringt, einfach so.
Intim sein bedeutet, den Hals zu beissen und und es eben nicht als Aufforderung für mehr zu sehen, sondern darüber lacht, dass der Hals voller Spucke ist. Intimität ist, genervt die Klamotten des Partners wegzuräumen und trotzdem heimlich dran zu riechen, weil Liebe nicht ordentlich, sondern intensiv sein muss. Intimität sind keine geteilten, wilden Küsse sondern die auf die Nase.

Intimität sind Waschbärvideos auf Instagram und Fingerspitzenberührungen und ein”Ih, das esse ich nicht.” – “Ich weiss.”
Intimität ist verstehen und wissen, ab jetzt, von hier, zu zweit – und trotzdem auch alleine was machen.
Intim sein, heisst nicht, ununterbrochen Händchen zu halten – aber immer zu wissen, wo die eigene Hand hingehört. 

Intimität ist ab jetzt, zu zweit.

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6 Comments

  • Reply jana 10. Juli 2018 at 9:59

    danke für die wundervollen worte, die du mit uns teilst – das geht einem unter die haut <33 bitte bitte mehr davon!!

  • Reply Beri 10. Juli 2018 at 19:14

    Jedes Mal, jedes Mal denke ich, das war dein bester Text, besser können sie nicht werden. Und immer wieder übertriffst du dich selbst, zumindest soweit ich das beurteilen darf. Jedes Mal aufs Neue fesselst und berührst du mich ganz ganz tief im Innern mit deinen Texten.
    Und egal wie kitschig das jetzt klingt, mir fällt nicht mehr als Danke ein. Danke, dass du mich (und hoffentlich viele andere) so bereicherst!

    • Reply fashionlunch 11. Juli 2018 at 18:18

      Ach Gott, jetzt kamen mir tatsächlich die Tränen. Ich danke dir sehr, sehr, sehr für deine Worte. Danke DIR.

  • Reply Inga 15. Juli 2018 at 17:29

    Heute, an diesem regnerischen Tag, gibt es für mich nichts schöneres als deine Texte zu lesen. Heute ist für mich Tara-Blog-Tag.
    Ich lese regelmäßig das was du schreibst und verliere mich ein in deinen Worten. Sie gehen direkt ins Herz. Heute wollte ich mir die volle Dröhnung davon geben. Ich habe die Zeit um mich herum vergessen und immer weiter gelesen.
    Danke liebe Tara, für dieses enorme Talent, Emotionen eine Hülle zu geben. Was du schreibst, bedeutet mir sehr viel!

    • Reply fashionlunch 15. Juli 2018 at 23:44

      oh wow. ich bin gerade emotional irgendwo mitten im Fluss anstatt nur in der Nähe gebaut und dein Kommentar hat mich dazu gebracht, mir die Augen auszuheulen. Ich danke dir.

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