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Literatur: Lass los, wenn es wehtut

7. April 2016

“Ich weiß, dass du mich gebraucht hast, um dich besser zu fühlen. Du warst in der weiten Welt, klar, und ich? Ich noch nicht, und somit warst du besser. Du brauchtest generell Dinge, um dich besser zu fühlen. Du hast mich, unbewusst oder bewusst, ich tippe auf bewusst, ich weiß, du warst dir dessen bewusst, degradiert. Du hast dich über mich gestellt und das nicht nur einmal. Du hast all meine Taten klein gemacht, all meine Erlebnisse, all meine Probleme, nur damit auch niemand bloß größer ist als du. Oder wichtiger. Aufmerksamkeit ist dein Überlebenselixir und gleichzeitig das größte Gift für dich, wenn sie nicht dir gilt. Du giltst, wenn andere dich beachten. Du selbst findest dich nicht gut genug, um alleine mit dir zufrieden zu sein. Und du suchst Streit und Verrat in anderen, du urteilst, aber gleichzeitig urteilst du über die, die urteilen, nur um  wieder einmal urteilen zu können. Du teilst aus, du beschimpfst alle, du bist besser als der Rest, aber wenn du einstecken musst, dann zuckst du zusammen und hasst die Welt, wie kann man dir was böses sagen, weiß denn niemand, wie perfekt du bist? Und all das weißt du vielleicht gar nicht. Vielleicht weißt du gar nicht mehr, wie schrecklich unglücklich  du mit dir bist, dass es nichts bringt, zwei Menschen in deinem Leben zu haben, die dir sagen, du bist toll, der Rest muss spinnen, der Rest hat Unrecht, alle wollen dir was böses, alle sind so unfair, nur du bist gut, so gut, gut, gut, es ist der Rest, wie können sie nur, du meinst es doch nur gut, der Rest ist so gemein, so gemein, und du, und du….und am Ende weinst du doch in dein Kissen, denn neben gut bist du vor allem eins, denn  all das Oberflächliche, was du so anstrebst, zählt nicht: Allein. Allein, allein, mit dir, jede Nacht und das ist viel schlimmer als all das, was du mir antun musstest, um dich mir erhaben zu fühlen.”


 

Freundschaft ist ein sehr schwieriger Begriff für mich. Ich glaube, ich bin, was zwischenmenschliche Beziehungen angeht, sehr konservativ. Und auch, wenn man das immer ganz toll findet, wenn man in Filmen sieht (oder auch liest, wie zum Beispiel hier), wie sich andere für ihre Freunde aufopfern, so findet man das im wahren Leben nicht mehr wirklich. Es ist gar nicht so falsch, dass die meisten Menschen so handeln, dass sie ihren eigenen Vorteil im Blick haben. Ducken anstatt Rennen. Und obwohl ich  keine Kondition habe, wähle ich immer rennen. Ich renne zu dir hin oder mit dir weg, oder ich renne deinen Gegner um. Ich bin für dich da und genau das, das kann mir niemand vorwerfen – dass ich nie da war.

Viele Menschen merken oft gar nicht, wie sie den anderen benutzen, um sich selbst besser zu fühlen. Deswegen gibt es so viel Unsicherheit und so viele gebrochene Herzen – man sucht den Fehler bei sich, immer wieder, denn der Gegenüber sagt und zeigt dir schließlich, du bist es nicht wert. Und der muss es ja wissen, oder? Du liebst ihn doch. Oder sie. Und Liebe macht blind, das stimmt. Vor allem macht es Selbstblind. Das ist kein Wort, aber der Neologismus ist an dieser Stelle wichtig, um zu zeigen, dass es etwas gibt, dass kein Hass ist und die Selbstliebe trotzdem verdrängen kann. Wenn der Zweifel wächst, weil der Mensch, von dem wir denken, er ist auf unserer Seite, die Samen in dir sät, und du zu spät merkst, wenn der Mensch dir gegenüber steht, wie kann er dann auf deiner Seite sein, dann bricht der Boden unter den Füßen weg. Und wenn du dann wirklich denkst, du kannst nicht mehr fliegen, dann stürzt du ab und ein und in  dich zusammen und hast viel mehr verloren als einen schlechten Freund.

Manchmal ist es schwierig zu erkennen, aber es wird immer Menschen in deinem Leben geben, die dich einfach nicht zu schätzen wissen. Die, denen du völlig egal bist. Die dich niemals besuchen, egal wo du bist. Dich niemals aufmuntern. Fordern, aber nicht geben. Und dich für alles auf der Welt sitzenlassen würden. Weil du nicht wichtig bist. Oder die immer nur ihre Probleme ausdiskutieren wollen, aber bei deinen Schweigen oder weghören. Die dich brauchen, um sich groß zu fühlen. Die dich neben sich haben wollen, damit du im Zweifel Kugeln abfangen kannst. Die dich belogen und betrogen haben, nur am Ende zu sagen “Du bist Schuld, nicht ich, niemals ich. Du hast es so verdient.”

Nein. Hast du nicht. Lass los.

Let go Loslassen

 

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4 Comments

  • Reply Katie 7. April 2016 at 22:09

    So wahr.

  • Reply Nilishi 7. April 2016 at 22:44

    Toll geschrieben, regt sehr zum Nachdenken an!

  • Reply Sarah-Lisa 13. April 2016 at 0:38

    Deine Texte machen mich so glücklich. Du verstehst mich. Danke.

    • Reply fashionlunch 19. April 2016 at 22:39

      Oh danke, das ist ein sehr schönes Kompliment, ich freue mich!

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