#taratalks LIFESTYLE

Literatur: Mein liebstes Accessoire, die Melancholie

3. Dezember 2016

Ich trage die Melancholie wie mein liebstes Kleid. Abgewetzt, alt, älter als ich, schon die Griechen kannten sie. Ich schmeiße sie mir über wie einen Mantel, wenn ich das Haus verlasse für eine Party und manche sehen ihn, manche nicht. Manche wollen ihn mir abnehmen, manche verstehen mich nicht, wenige finden, er steht mir gut.

Viele Leute verstehen nicht, was Gefühle mit Kreativität zu tun haben, was vielleicht auch daran liegt, dass die meisten Menschen erstmal generell nichts von Gefühlen verstehen – geschweige denn von Kreativität.
Als Adele ihr neues Album ankündigte und gleichzeitig sagte, sie war einfach nicht unglücklich genug, um schneller eins hätte produzieren zu können, haben die wenigstens eigentlich verstanden, was das heißt.
Auch meine „Bad Times“ Playlist auf Spotify stößt auf Unverständnis und wenn meine Mitarbeiter wüssten, dass ich im Büro die traurigste Musik, die ich kenne, höre, um Artikel über Partnerschaft und Lifestyle zu schreiben, würden alle denken, ich sei verrückt.


“Aber nein, ich bin nur einfach uninspiriert und gelangweilt vom Alltag, von Normalität, vom Schönen Lauf der Dinge, wenn ich doch gleichzeitig Sintflut und Ginflut und zu viel Wein an einem Donnerstag haben kann.”


Ich brauche verdrehte Sätze und Menschen, die aufgewühlt sind. Ich will Schichten und nichts Glattpoliertes, ich brauche Unverständnis und Emotionalität und kein „Ich liebe das voll!“, wenn man eigentlich nichts mehr liebt, weil Gefühle nicht mehr Gefühle sind, sondern leere Worthülsen, die plump aus den Frauenmagazinen fallen, wenn man sie schüttelt.
Ich kann die ganzen L.A Beach Babes und Boys nicht verstehen, die den ganzen Tag nur sunny funny easy peasy lemon squeezy darüber reden, wie amazing alles ist, wo ich nur Mittelmäßigkeit erkennen kann.

In der bunten und lauten und überlaufenen Welt, wo jeder sich immer öfter sagt, wie sehr er sich liebt, und trotzdem immer mehr Menschen ermordert und Opfer von Gewalt- und Hasstaten werden, brauche ich nicht viel, außer ein Klavier. Vielleicht ein Cello. Und ein paar Zeilen, die mich treffen, nicht immer ins Herz, aber doch meist zumindest in den Kopf. Ich brauche Satzfragmente, die meinen Kopf verhängen wie der Dunst um 4 Uhr morgens an der Greifswalder Straße, wenn schon wieder keine Tram kommt.
Ich bin nicht gerne traurig. Aber Melancholie hat nichts mit Traurigkeit zu tun.
Eine der schönsten Dinge, die je jemand über mich sagte, war eine Nachricht eines Mädchens, die ich von früher kenne: „[…]Du strahlst so viel Melancholie aus, dass diese einfach wunderschön ist und man gar keine Angst davor haben brauch. Ich hoffe es klingt nicht blöd aber irgendwie strahlst du ganz viel Fernweh und gleichzeitig Heimsucht für mich aus.“

Wir übertrampeln unsere eigenen Gefühle und rennen weiter und niemand hilft ihnen auf und niemand hilft uns aus, wenn es darum geht, sich mal ein wenig Herz zu leihen.


“Wir verpassen vielleicht den besten Partner für uns, weil wir uns von Dingen blenden lassen, die nichts mit Liebe an sich zu tun haben sollten. Wir verpassen vielleicht neue Ziele, weil wir es nicht schaffen, uns von alten Häusern loszureißen. Und wir fürchten uns zu sehr vor Zeiten, in denen nicht alles Lachen und Apfelkuchen ist.”


Ich glaube, dass wir verlernt haben, zu erkennen, wann man traurig ist und wann nicht. Wann man nachdenkt oder nicht. Und wann man eigentlich liebt – oder eben nicht.

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2 Comments

  • Reply Lisi Ledbetter 3. Dezember 2016 at 11:45

    auf diesen text war ich richtig hungrig, nach dem ersten satz wollte ich gleich mehr. die meiste zeit meines lebens habe ich mich nicht mit meinen gefühlen beschäftigt, dafür jetzt umso mehr und ich stimme dir zu. der kommentar deiner früheren bekannten ist der wahnsinn!

    • Reply fashionlunch 4. Dezember 2016 at 20:39

      Finde ich auch. Damit hat sie etwas Großes gesagt und ich denke oft daran. Freut mich, dass dir der Text gefällt!

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