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Literatur: Sei du selbst, aber bitte richtig.

2. Oktober 2016

“Ich will echte Frauen sehen!” – Aufrufe überall, von allen, und allem voran: eine Lüge.

H&M wirbt mit Frauen, die ihr Bauchfett in die Kamera schwenken und dabei glücklich sind. Wieso auch nicht. Davon habe ich auch genug, Pizza sei Dank. Wenn Frauen Achselhaare haben, ist das erstmal ganz normal, die hat jeder. Sie wachsen zu lassen ist wahrscheinlich Geschmackssache – ich finde es nicht schön, aber mir ist es egal, wenn jemand das macht. Geht mich nichts an. Aber die, die es tun, sind auf einmal nicht nur achselhaarig, sondern mutig und revolutionär und es werden Artikel in den Medien über sie geschrieben, wie sie sich dem aktuellen Schönheitswahn und vorherrschendem Perfektionismus widersetzen und das ein Grund zum feiern ist, zum stolz sein, du kannst auf dich stolz sein, weil du Achselhaare hast.

Und manchmal, wenn ich sowas sehe, wird mir schlecht von all der Doppelmoral und Heuchelei.

Gefordert werden echte Frauen, wo ja jetzt noch nicht einmal irgendjemand sagen kann, was das überhaupt sein soll. Nach meinem Verständnis waren echte Frauen immer Frauen, die vorhandene äußerliche und schwer zu übersehene Merkmale haben. Und das wars dann auch. Ob dick oder dünn oder blond oder haarig oder nicht – egal. Aber eine Frau war es schon, denke ich.

Mittlerweile, so hat man das Gefühl, muss man erst einmal gewisse Anforderungen erfüllen, um den Begriff “Frau” oder “echte Frau” überhaupt verdient zu haben.

Wenn man sich im Frauentausch-RTL2-Niveau des echten Lebens, aka in Facebookkommentarspalten herumtreibt, so wie ich und zum Leidwesen meiner Facebookfreunde (“musst du dich immer streiten bei Facebook? Da hätte ich echt gar keinen Bock drauf!”), dann kann man gar nicht fassen, dass das all die Leute sind, die du tagtäglich siehst, beim Einkaufen, im Fitnessstudio (okay, die sehe ich dann nicht), beim Essen (…da schon eher), oder bei anderen sozialen Aktivitäten. Und auch die Medien ziehen mit.

Warum muss Andersartigkeit immer so unterstrichen werden, während im selben Atemzug aber gesagt wird, alle sind gleich?

Da werden Plussize Models auf Cover von Fitnesszeitschriften gesetzt, weil jeder jetzt alles kann, außer die “Normalos”. Weil Plussize das neue Normal ist, weil dünn sein hässlich ist, weil normal langweilig ist und überhaupt, “bestimmst du jetzt, was normal ist, oder was?!”
Und trotzdem lese ich tagtäglich Texte über “fatshaming”, dabei ist das gar kein Thema mehr, denn “skinnybashing” ist jetzt cool und auch gewollt und auch erlaubt, denn selbst der Stern feiert online, wenn dünne Frauen endlich “abgeschafft” werden, weil dünn natürlich ungleich gesund ist und sowieso ekelig und essgestört.

Da werden behaarte Frauen gefordert, da die Schönheitsideale krank sind, und alle, die sich rasieren, sind den USA verfallen und lieben am besten noch Trump und die Haarigen sind die einzig Wahren, während sie von den anderen als Hippies, unrein und verwildert abgestempelt werden.
Doch irgendwie haben die meisten Follower die perfekt frisierten und aus teurem Elternhaus stammenden, glattrasierten, schönpolierten Barbies, wie kann das also zusammenpassen? Für’s Gewissen ‘ne behaarte Dicke, während man selbst aber die perfekten Mädchen anhimmelt, weil man selbst so sein will? Das ist viel schlimmer und verlogener, jemanden aus Mitleid und “weil das eben in ist” gut zu finden, als einfach nichts zu sagen. Aber nichts sagen ist keine Option mehr im Mitmachweb, wo jeder alles sagen kann, solange es zur Norm passt, was heißt, du sollst gefälligst bloß nicht alles sagen.

All die Versuche, toleranter zu werden, scheitern daran, dass man immer verbissener versucht, alles zu loben, was anders ist, hervorheben will, wie wichtig es ist, gleich zu sein, in allen Unterschiedlichkeiten, während mir im realen Leben alle 20 Meter eine neue Kylie Jenner mit Boxerbraids entgegen-gehighjeanswaisted kommt, die das “bae” von irgendeinem langshirtigen Justin ist.

BE YOURSELF – no wait, not like that.

Man darf über nichts mehr lachen und gleichzeitig fordert man, doch alles mit Humor zu nehmen, aber bitte mit dem richtigen Humor, nicht mit all den falschen Varianten davon. Denn wenn du nicht aufpasst, bist du Fascho, Nazi, Rassist, Extremist, Populist, Linksextremist und wenn es richtig hart kommt, Veganer. (Bitte, das war ein Witz. Vielleicht.) Dazu sollst du so aussehen, wie du willst,aber eigentlich nur in einem Rahmen zwischen 1 und 2 auf einer Skala von 100, denn alles andere wäre irgendwie doch zu komisch. Du bist alles, was gerade in das Weltbild des anderen passt und noch nie war es so schlimm wie jetzt. Man hat Angst, etwas zu sagen, weil eigentlich alles immer falsch ist, weil der Hass und Unmut gewachsen ist zwischen allen. Soziale Medien sind asozial, denn unter jedem Profil von größeren Instagrammädchen sehe ich nur noch andere Mädchen, die sich gegenseitig anpöbeln, weil eine “fett und behindert ist”, während die nächste sagt “geh dich erhängen du Opfer, behindert ist kein Schimpfwort!!!” Zu viel Schminke ist schlecht und man ist hässlich, wenn man sich zu viel schminkt, denn “sonst würdest du es ja nicht brauchen!!!!”, zu wenig Schminke ist auch schlecht, weil “geht ja gar nicht, voll der Bauer, ey”. Eigentlich ist generell erstmal alles schlecht, weil die, die Frauen hassen, eigentlich nicht Männer sind, sondern Frauen, und zwar sich gegenseitig und leider auch oft sich selbst.

Bei all den Versuchen, politisch korrekt zu sein, menschlich korrekt zu sein, überhaupt einfach korrekt zu sein, verrennen sich alle immer mehr in einem Ideal, einer Utopie, während hinter ihnen die reale Welt brennt und jeder sich verabscheut.

Es bringt nichts, Wörter zu ändern. Es bringt nichts, Gewalt mit Gewalt und Vulgarität mit Vulgarität zu beantworten. Vielleicht sollten wir endlich wieder damit anfangen, Dinge zu sagen, die wir meinen, Dinge zu tun, die wir predigen und ehrlich zu sein, anstatt nur Ehrlichkeit im Internet zu fordern, weil das so einfach und schnell geht. Vielleicht sollten wir die Akzeptanz, die wir doch alle so groß bei Instagram liken, LEBEN und einfach mal wem sagen “Ey, du bist schön so, wie du bist.” Und es so meinen, von sich aus, nicht, weil es Trend ist.

Und jetzt hab’ ich die Schnauze voll, ich geh’ schaukeln, auch wenn mein Hintern über das Holzteil quillt und die Hose mich dicker macht, als ich bin. Ist mir nämlich egal. Hat Spaß gemacht. Zählt viel mehr.

Schaukel Wald Schaukel Herbst Wald Herbst Outfit

 

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4 Comments

  • Reply gedanken-karussell 2. Oktober 2016 at 22:59

    Ein sehr toller Post ? wirklich gut geschrieben und auf den Punkt gebracht – so gut es geht ? und dazu noch sehr schöne Bilder mit schicker Hose (und schickem Po ?). ?✨

    • Reply fashionlunch 2. Oktober 2016 at 23:04

      Haha, wie lieb. Vielen lieben Dank! <3

  • Reply Lisa 3. Oktober 2016 at 19:15

    Unfassbar gut, wie immer.

  • Reply Sabi 6. Oktober 2016 at 17:35

    Sehr sehr geiler Text. Inhaltlich fasst du ein Thema auf über das selten jemand schreibt und wie du dann darüber schreibst finde ich absolut toll!!
    Und ich unterstütze da deine Meinung komplett – es muss immer alles anders sein damit es gut ist, komischerweise sind dennoch schlanke hübsche Frauen immer noch beliebt. Seeeehr komisch 😉 Aber gut dass ich einen kleinen Höcker in der Nase hab, bin also quasi einzigartig 😛

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