LIFESTYLE LITERATUR

Literatur: Weltschmerz

30. Dezember 2017

2018 – kannst du bitte anders werden?
Besser irgendwie.
Ich bin enttäuscht von dir, 2017.
Aber auch von 2016.
2015, was war da los?

Und dann frage ich mich: Was ist da los? Liegt es nicht vielleicht doch an mir?
Und dann antworte ich mir: Natürlich liegt es an mir. Das lag es immer.  Ich trage den Weltschmerz in mir, verschachtelt, in Schachteln, ganz offen. Es liegt an mir.
Und wenn du neben mir liegst, lagst, gelegen hast – siehst du? Vergangenheit, zwei mal! – habe ich mich von dir hassen lassen, weil Hass das einzige ist, was irgendwie noch funktioniert, ohne Probleme. Weil du schon wieder so enttäuscht warst und ich so enttäuscht war, dass du so enttäuscht warst.

Enttäuschung, Unzufriedenheit, Streit, Hass.
Zwischen uns, zwischen Fremden auf Facebook, die sich anbrüllen, MIT CAPSLOCK, DAMIT AUCH JEDER KAPIERT, DASS MAN  SAUER IST, einfach so, aus Langeweile, ist ja gerade Mittagspause.
“Du Arschloch” – Fertig. Das geht auch viel schneller als konstruktive Kritik.

Kritik tut weh, aber das darf es nicht – wir drehen uns im Kreis der Selbstlob-Schleife, wir finden uns besser und alles normal und irgendwie doch außergewöhnlich, nur um bloß korrekt zu bleiben und niemanden zu verletzen.

„Korrekt“, das Wort an sich, die ursprüngliche Bedeutung, hat sich dabei allerdings völlig verändert und völlig verloren: korrekt bedeutet mittlerweile nur noch „nett“, bloß nichts sagen, was anecken könnte, denn alles andere um uns herum ist ebenfalls glattpoliert.

Alles ist aus Glas und droht zu zerbrechen und alleine ich, aus Kanten und Ecken gemacht, vielleicht nicht aus anderem Holz geschnitzt, aber doch aus Holz und nicht aus Plüsch, kriege Probleme in der Sunshine-Barbie Welt, wenn ich den schwarzen Farbtopf namens Realismus mit mir rumschleppe.

„Wir wollen das nicht hören!“ wird als entrüstetes „Das kannst du doch nicht sagen!“ getarnt, obwohl man sehr wohl kann und sehr viele mehr sollten. Wir beweihräuchern uns selbst aber gehen schon lange nicht mehr in die Kirche, da wir an nichts mehr glauben als an uns selbst und die süßen Videos bei Facebook.

Wir wettern mit, wenn Trump gewählt wird, nur um auch aus ihm Videos im Facebook Format zu machen, wir zeigen unseren Frust nur so, dass er in 15 Sekunden passt, weil wir uns sonst langweilen, politische Gedanken müssen schnell gehen, genau wie unsere Beziehungen, wie das Abnehmen, wie die Selbstoptimierung – „Schlank in 2 Wochen, jung aussehen in nur 5 Minuten, verliebt alle 11 Minuten“ – wir wollen mehr Zeit um mehr zu konsumieren, Sachen, Menschen, uns. Wir wollen mehr Zeit für nichts eigentlich, denn wir leben im Jetzt und ignorieren die Zukunft, you NOW, weil wir nicht wissen, wem wir dort in die Arme rennen werden – weil wir eigentlich doch wissen, dass wir immer und immer wieder um uns selbst kreisen und am Ende nirgends ankommen werden.

2015, 2016, ach, was sage ich: Welt, du enttäuschst mich. Menschen, ihr enttäuscht mich.
Aber wann lerne ich endlich, dass die Menschheit nicht so ist wie in Büchern, man niemals für immer Arme hat, in denen man zuhause ist und dass das neue Jahr nie ein neues ist, sondern immer nur ein weiteres altes?
Wahrscheinlich nie.
Hoffentlich bald.

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