#taratalks

#taratalks: Verantwortung? Nicht für mich, danke

21. Juli 2018

Ich habe das Gefühl, dass das mit der Verantwortung ein bisschen wie einem Restaurantbesuch voller #foodtrendleute geworden ist.
In einem Restaurantbesuch mit 5 anderen 20-30 jährigen.

Kellner: „Darf es noch etwas Verantwortung für Sie sein, Madame?

Person 1: „Nein, Dankeschön, ich lebe verantwortungslos“

Person 2: „Ach echt? Das wollte ich auch immer machen, ist das nicht total schwierig, darauf zu verzichten?“

Person 1: „Nein gar nicht, du merkst irgendwann überhaupt nicht mehr, dass du für gar nichts Verantwortung übernimmst. Wenn man mal überlegt, wie viel Verantwortung andere schon übernehmen, ich will da nicht mitmachen.“

Person 2: „Das ist total mutig von dir, ich glaube, das mache ich auch…“

Person 3: „Ich lebe auch seit kurzem verantwortungslos. Ich merke einfach, dass es mir körperlich und geistig besser geht, ich bin viel weniger gestresst, seitdem ich Verantwortung aus meinem Leben gestrichen habe. Es geht viel einfacher als gedacht. Ich kann nur dazu raten.“

Person 4: „Also ich stelle mir das schwierig vor. Mein Freundin lebt mit Verantwortung und übernimmt die Verantwortung auch, wenn sie etwas schlechtes tut. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es dann sein soll, wenn ich das nicht mehr mache und sie aber weiterhin tun will…“

Person 1: „ Da mach dir mal keine Sorgen. Das ist ja ihre Sache, wenn sie weiterhin die Verantwortung übernehmen will. Aber nur weil sie das macht, musst du das ja nicht tun. Zum Einstieg kann ich dir empfehlen, einfach immer nur „war ich nicht“ zu sagen. Das ist keine optimale Lösung, aber zumindest lernst du so den Einstieg der Verantwortungslosigkeit. Irgendwann kannst du noch „Ist mir egal“ dazuaddieren und wir Profis sagen dann auch gerne mal sowas wie „Ich sehe, du bist traurig, aber wenn wir das jetzt mal ganz reflektiert betrachten, müssen wir schon beide einsehen, also du und ich, dass irgendwie doch du Schuld daran bist, dass du jetzt weinst, weil du könntest auch ganz anders reagieren und du müsstest ja nicht so emotionsvoll sein. Es gibt zu viel Emotionen hier.“
Somit lenkst du davon ab, dass du wahrscheinlich einfach etwas Schlimmes gesagt hast – darum musst du dich aber überhaupt nicht mehr kümmern, wenn du ohne Verantwortung lebst. Was andere dann damit machen kann dir ja egal sein.“

Person 4: „Wow, das hört sich gar nicht so kompliziert an…..“

Kellner: „Ähh also…will jetzt niemand mehr Verantwortung haben?“

Person 5: „Doch, ich, bitte. Ich finde Verantwortung gut und ich denke nicht, dass wir ohne sie leben können.“

Person 1-4: „ … wenn du meinst. Ist ja dein Leben. Aber bitte irritier unsere Meinung nicht mit Tatsachen.“

Natürlich – es ist schön einfach, wenn man keinerlei Verantwortung für seine Handlung übernimmt. Was geht mich das an, dass Nackensteaks vom Schwein im Angebit sind für 0,49 Cent, was geht mich das an, dass mein Partner leidet wegen meiner Aussagen – muss halt weniger sensibel werden, nech?!, was geht mich eigentlich an, dass Menschen im Meer ertrinken oder Flugpreise für 37 Euro einfach nicht realtistisch sein können?

Und ja, ich denke, ich weiß, ich gehe davon aus, dass das ein Generationending ist. Es ist so einfach geworden, dass andere Schuld an etwas sind. Und wir nicht. Wir werden ja schon so erzogen. Wenn wir einen Test verhauen in der Schule, dann “mag uns der Lehrer einfach nicht” und hysterische Mütter rennen in die Schule und schreien den Direktor an, dass die Begabung einfach nicht gesehen wird, im Job hasst uns einfach nur der Chef und wir arbeiten perfekt, wenn wir Fremdgehen ist es eigentlich sowieso der Partner gewesen, der uns dazu getrieben hat, weil wir “ja sowieso voll unglücklich waren, hättest du ja auch mal merken können!”, wenn wir stetig zunehmen, liegt es nicht daran dass wir mehr essen und uns weniger bewegen, sondern an “schweren Knochen” und “vielleicht mach das ja auch die Pille, keine Ahnung, also an mir liegt’s nicht.”

Bei jedem Gespräch höre ich immer nur mit, dass Frauen sich beschweren dass der Mann sie gar nicht glücklich macht und viel zu wenig schenkt, “einmal die Wochen Blumen könnten es schon sein, muss er sich nicht wundern, wenn ich immer wieder Stress mache!” und anstatt ein “bist du bekloppt?” kommt nur ein “Ja, genau, er hat dich eh nicht verdient!” von der ebenso von sich selbst überzeugten Freundin zurück.

Alle sind amazing und alle machen alles richtig und es sind generell immer die anderen – aber wenn es immer die anderen sind, wer war es dann denn im Endeffekt eigentlich?
Und werden die Leute merken, irgendwann, wenn niemand mehr da ist, dass dann auch automatisch jede Ausrede fehlt, niemand mehr da ist, dem man die Schuld zuweisen kann?

Wieso ist es so schwer für uns geworden, zu akzeptieren, dass wir scheiße bauen. Und scheiße sagen. Wieso kann man nicht sagen “Ja, das war schlecht.” Punkt.
Kein “…, aber das habe ich ja auch nur gemacht, weil…”.
Ausreden, noch immer, schon wieder.
Ich weiß, wann ich schlecht bin.
Wann ich Sachen wirklich verhaue. Das kommt vor. Natürlich kommt das vor. Aber ich rede mich nicht raus und ich stehe dazu. Und das tut weh, allen Seiten, vor allem mir, denn niemand ist gern Schuld und erst recht nicht alleine – aber manchmal ist das so.
Und dann muss man dazu stehen.

 

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7 Comments

  • Reply Beri 23. Juli 2018 at 10:53

    Danke Tara!

  • Reply Marie-Theres Schindler 8. August 2018 at 18:51

    Ich finde immer, man muss nicht gleich die ganze Welt retten – Veränderungen können auch im kleinen anfangen. Zum Beispiel: Jutebeutel statt Plastiktüte verwenden, mal das Auto stehen lassen oder einen fleischfreien Tag einlegen.
    Liebe Grüße,
    Marie

  • Reply Denise 8. August 2018 at 19:54

    Wahre Wort…Ich glaube jeder von uns will, dass auch andere Verantwortung übernehmen. Aus diesem Grund sollte man zuallerst bei sich selber anfangen, auch wenn das schwer ist.
    LG Denise

  • Reply Daniela Feickert 8. August 2018 at 20:20

    Hallo Tara,

    ich glaube, dass das mittlerweile schon Volkssport geworden ist. Alle ducken sich weg, die wenigsten zeigen Rückgrat, niemand will es gewesen sein, niemand will was damit zu tun haben. Bei einigen Menschen, die man persönlich kennt, fragt man sich wirklich, wie die am Morgen ohne schlechtes Gewissen überhaupt noch in den Spiegel sehen können.

    Liebe Grüße Daniela von https://travelmixbestager.de/

  • Reply Susi 10. August 2018 at 9:28

    Wahre Worte! Jedoch kenne ich auch die andere Extreme, wenn man mit sich selbst zu kritisch umgeht. Eine gute Balance zu finden sollte das Ziel für alle sein. Fehler zu machen ist Menschlich – und das ist normal.

    Liebe Grüße,
    Susi von http://www.whitelilystyle.de

  • Reply Marie 16. August 2018 at 11:54

    Sehr schöner Text. Ich glaube, Verantwortung zu übernehmen ist ein Lernprozess, der mit zunehmendem Alter entsteht. Klar, bei Einem ist es ausgeprägter und Anderen ist alles egal. Zu Fehlern sollte man aber dennoch stehen.
    Alles Liebe Marie

  • Reply Dahi Tamara 18. August 2018 at 17:02

    Der Mensch ist vom Fehler geprägt. Er kann nie perfekt sein. Er baut auch mal Mist. Wichtig ist, für das, was man falsch macht, Verantwortung zu übernehmen. Bewusst zu leben und moralisch verantwortungsvoll. Wenn keiner mehr Verantwortung übernimmt (im kleinen Maße), dann ist die Welt dem Untergang geweiht.

    Liebe Grüße
    Dahi Tamara

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