#taratalks LIFESTYLE

#taratalks: Wieso ich die Schule gehasst habe

14. Oktober 2018

Schule, die beste Zeit meines Lebens, ich werde es vermissen, nie wieder wirst du so frei sein, blablabla.

Wer kennt diese Sätze nicht? Wie oft habe ich das von meiner Mutter oder anderen Erwachsenen gehört?
Und wie sehr kann man eigentlich falsch liegen?

Ich habe die Schule schon früh gelernt, zu hassen …

Als Kind war ich sehr motiviert. Ich wollte immer Fleißkärtchen nach Hause bringen. Kennt jemand von euch noch “Umi”? Das war so ein Teddy und der hat Fleißkärtchen ausgestellt (na klar, höchstpersönlich!).
Und ich war immer mit dabei, ich war immer die Nervige, die den Finger oben hatte, bevor die Frage eigentlich zu Ende gestellt war.

Als ich ab der fünften Klasse auf der Gesamtschule war, war ich sofort unterfordert. Ich hatte eine Empfehlung für das Gymnasium, aber keiner meiner Freunde. Somit bin ich auf die Gesamtschule gegangen, da es dort E-Kurse gab. Erweiterungskurse, Gymnasialniveau. Nicht.
Mitten in der siebten Klasse musste ich dann wegziehen, 200km weiter in ein anderes Dorf in NRW und bin dann dort aufs Gymnasium gegangen. Das ist natürlich auch eine absolut super Idee, kurz vor dem 14. Geburtstag das Umfeld eines Teenagers einzureißen und die Schulform zu wechseln, aber hey, nicht so wichtig, oder?
Tja und ab dann habe ich gemerkt, das ist nichts für mich. Das alles nichts.

Bücher sind die besseren Freunde

Ich habe immer mehr gelesen und mich immer mehr zurückgezogen. Ich fand es noch nie interessant, in einer Clique zu sein. Ehrlich gesagt hat es mich – und ich finde kein deutsches Wort, was es so gut beschreibt – “terrified”. Ich fand es gruselig und erschreckend, immer in der selben Gruppe von Menschen zu sein, die immer das selbe erleben, aber nur, weil sie eben alle in dieser Gruppe sind. Und ich meine damit diese großen Cliquen, die sich zu 15. treffen und zusammen auf dem Schützenfest saufen gehen und sich besser als der Rest fühlten, weil sie….ja, ich weiß nicht genau, was. Vielleicht weil ihre Eltern Geld hatten, was sie hatten, weil sie auf dem Dorf geblieben sind und einfach das Familienunternehmen weitergeführt haben. Das ist gut, jeder soll tun und lassen, was er will, aber seine Charakterstärke daraus ziehen, dass Papa wegen Opa einen Porsche hat, habe ich nie verstanden.

Ich wollte das nicht. Ich wollte was anderes, ich wollte mehr. Und weil mich das ganze Gerede nicht interessiert hat, war ich schnell komisch, seltsam, Gerüchte wurden erfunden. Was man halt so macht, wenn man Angst vor etwas hat oder es nicht versteht: Man verteufelt es. Ich verstehe es rückblickend. Selbst damals war es mir egal, es hat mich nie getroffen. (Was natürlich nur ein weiterer Grund und “Beweis” war, dass mit mir etwas nicht stimmen kann, wenn alles mich kaltgelassen hat).

Ich weiß, dass Identitätskonkretheit eine wichtige These ist. Ich weiß, dass viele berühmte Psychologen davon ausgehen, dass der Mensch seine Identität daraus bildet, was er mit anderen Menschen und anderen Gruppen, die verbunden sind, erlebt.

Also mit der Firma, mit dem selben Freundeskreis, der Familie, dem Sportverein. Das alles ist eine in sich geschlossene Identität, eine Gruppendynamik, “zusammen ist man stark”, man erlebt zusammen Dingen und hält zusammen.
Aber so ist es eben nicht immer. Es gibt Stress untereinander, Intrigen, Lügen, Mimimi, Chaos.

Ich war nie dafür gemacht.
Daher war das ganze Schulkonzept für mich auch so schwer zu ertragen und deswegen war ich an der FernUni. Ich konnte nicht schon wieder pünktlich um 8 in einem Raum sitzen, wo jemand anderes dann sagt “das haben wir schon immer so gemacht” und bis 17:00 Uhr dort sitzen, weil “das macht man so”.

Ich las in meinen Büchern und habe das gelesen, was ich lernen wollte. Ich weiß, ich war rebellisch – ich hätte mich auch zusammenreißen können und jeden Tag 7 Stunden einfach das machen, was andere mir sagen. Aber als Teenager und sowieso keinen sozialen Bezügen im ersten Jahr habe ich einfach versucht, mich zu retten. Ich habe meine Insel, mein Insel-Ich abgeschirmt, ich habe gelesen, in andere Welten hineingelesen, Sachen gelernt, weitergemacht, was anderes gemacht.
Und dafür natürlich einen Tadel nach dem nächsten gekriegt.

Bei uns war es so:
3 Rügen = 1 Tadel
3 Tadel = 1 Verweis
3 Verweise = Schulverweis
Ich hatte am Ende zwei Verweise und Attestpflicht, weil ich absolut nie da war.
Ich bin immer weniger in die Schule gegangen – nur dann, wenn ich da sein musste.

Ich habe Mathe gelernt, obwohl ich niemals, niemals in meinem ganzen Leben wieder eine Wurzel ziehen muss. Ich habe nicht mehr über Literatur gelernt als 10 Gedichteanalysen hintereinander geschrieben, obwohl ich dort gerne noch mehr gefördert worden wäre.
Aber wenn ich dann ein Gedicht von mir einer Lehrerin gezeigt habe, kam nur ein “ne, das ist anders als das, was wir hier sonst machen”
“Aber ist es gut?”
“Nein”
(Ok – zwei Jahre später wurde besagtes Gedicht in einem Buch veröffentlicht.)

Und die Mitschüler? Tja, wie Teenies eben sind…

In der Abizeitung gab es Umfragen. Und ich lasse diese hier mal so stehen.

Hier lässt sich gut erkennen, dass ich eher am Handy war als in der “realen Welt” und dass sich mein späterer Beruf abgezeichnet hat, denn – Überraschung – nur ein Jahr später nach dem Abi habe ich meinen Blog gegründet und 4 Jahre später bin ich dann nach Berlin gegangen.

Ich habe immer mal wieder eine Nachricht eines Mitschülers und sogar von Lehrern bekommen in der Zeit, weil ich andauernd in der lokalen Zeitung erwähnt wurde als “erfolgreiche Bloggerin” (Leute, 2012-2013 gab es das kaum noch und ich habe nie Follower und andere Bullshit Sachen gekauft, also konnte / kann man irgendwie trotzdem noch durchaus davon sprechen).

“Oh wow Tara, ich dachte schon immer, dass aus dir mal was werden wird”
“Man hat früher schon gesehen, dass du dein Ding machen wirst”
“BLABLABLA Part 3039893692”

Ich fühle mich wie in einem Teenie-Film, wo das hässliche Entlein sich entwickelt

Kennt ihr diese Teenie-Filme, wo die Protagonistin die Brille abnimmt und sich die Haare kämmt und auf einmal “ein ganz anderer Mensch” ist und “nicht mehr erkannt wird”? So fühle ich mich auch. Ich wurde ununterbrochen und jahrelang immer gemobbt oder dumm angepöbelt, ich habe Verweise und Tadel bekommen, ich wurde von der kompletten Abizeitung verrissen, und deswegen kann ich sagen: ich bin froh, aus dieser Vorhölle raus zu sein.
Das Komische ist, die einzelnen Leute mag ich heute noch und ich hatte auch Freunde während des Abis, aber ich habe mich nach und nach immer mehr abgekapselt, weil ich dieses große Ganze, diese Gruppenverschmelzung nicht mehr ertragen habe. Ich habe nie das gefühlt, was die anderen gefühlt haben: Einheit

You Might Also Like

2 Comments

  • Reply Katja 22. Oktober 2018 at 12:58

    Einheit in der Schule…die gibt es, immer dann wenn man gegen jemanden anderen sein muss. Ich bin mittlerweile 10 Jahre aus der Schule und verstehe ebenfalls nicht wie man das cool finden konnte. Mich graust es schon jetzt wenn irgendwann, mein noch nicht geplantes oder geborenes Kind, in die Schule kommt da geht dann die Muttergruppendynamik los. Zwar war ich immer in einer Gruppe von 4-6 Mädels aber fand es immer soooo anstrengend weil es jeden Tag sehr viel Mimimi gab.

    Die Abizeitung finde ich übrigens sehr krass, bringt es doch Mobbing auf ein ganz neues Niveau.

    • Reply fashionlunch 22. Oktober 2018 at 16:12

      Ja, das war definitiv Mobbing. Aber das war “damals” (2011) noch nicht so. Das war “cool” und “witzig” – am Ende aber einfach nur asozial.

    Leave a Reply