LIFESTYLE

Und was wird dann aus mir?

8. Oktober 2014

Der tägliche Kampf gegen sich selbst.

“Und was macht man so als Modeblogger?” Gänsefüßchen. Hihi. Mode. Kannst du sonst nichts? Zu dumm für was Richtiges? Dacht’ ich mir. Das sagt mir niemand, aber ich kann es hören. Stille Vorwürfe, langes Schweigen, vorgespieltes Verständnis. Eine Schublade finden, die passt, mich reinstecken, zumachen, ein Schild dran – “Witzfigur”. Fertig. “Spendest du auch, wenn du dir schon so teure Sachen kaufst?” – “Nein, ich spende nicht.” “Aha.” Abschätzige Blicke. “Selfies? Wie? Du machst Fotos von dir selbst? Achso. Okay. Naja, bist ja auch ganz hübsch,ne.”


 

Das sind alles Sätze, die mich nie gestört haben. Mich nie irritiert haben, nie von meinem Vorhaben abgebracht haben. Ich habe schon wirklich viel mit dem Bloggen erreicht, hier mal ein Artikel, da mal in einem Magazin, hier ein Event und da die nächste Fashionweek. Aber dann? Was dann? Manchmal erscheint mir genau dieser Gedanke unerträglich und er hat mich fest im Griff, ich kann nicht weg, ich muss die Gedanken rasen lassen, prallen gegen mich, ohne Airbag, volle Fahrt. War es das? Sich hübsch anziehen, hübsch schminken und dann Lob einheimsen? Oh, du siehst aber toll aus, tolles Outfit, tolle Kombination, wowiiiiiii. Jeder Blogger hat ein Ziel: Weiterkommen, mehr Erleben, mehr Schreiben, mehr Erreichen, mehr Leser, mehr Likes, mehr, mehr, mehr. Aber vielleicht kommt man irgendwann an einen Punkt, wo man sich Fragen stellt – was kommt danach? Wozu mache ich das? Ein besserer Job? Bessere Aussichten für eine bessere Zukunft? Oder kriege ich einfach 3 Kinder und bin erfüllt und glücklich in meinem Einfamilienhaus, koche zwei mal am Tag Essen und lese mir sonst Zeitschriften durch, wo der neueste Klatsch über Promi XY drinsteht. Ist das erfüllend – oder noch besser: WAS ist erfüllend? Will nicht jeder etwas verändern? Wenn nicht bei anderen, dann wenigstens in sich selbst? Ab wann muss man sich von alten Sachen lösen, welche Sachen sind das und was muss man mitnehmen, weil es zu einem gehört?

Ich denke nicht, dass die schwierigste Phase die Pubertät ist. Klar, man hat voll die Hormonüberschüsse und weiß gar nicht wohin mit sich und ist sicherlich auch abartig gelaunt und scheisse zu allen, aber mir doch egal, die müssen mit mir klarkommen und wer das nicht tut, kann sich verpissen, OPFER. So oder auch nicht ist es doch. Scheißegaleinstellung, ich bin eh die Coolste und ja, mit 15 bin ich schon meeegaerwachsen und weiß, was ich tun muss. Nicht.

Aber die wirkliche Krise kommt nicht, weil der 6. Junge, in den man sich in den letzten zwei Wochen echt UNSTERBLICH, ER IST DER RICHTIGE, DAS SPÜRE ICH EINFACH, verliebt hat, einen nicht daten will. Sondern irgendwann, mitten im Studium, vielleicht auch nach der Ausbildung oder dem Abi. Was dann? Habe ich das gemacht, was ich immer wollte? Weiß ich, was ich immer wollte? Wollte ich überhaupt schon irgendwas immer? Wo will ich hin? Würde mein Kinder-Ich mich jetzt sehen können, würde es zu mir hochgucken und sagen “So will ich mal sein, wenn ich groß bin”?  Irgendwann kommt der Punkt, an dem man merkt “Ich bin jetzt erwachsen. Ich muss für mich selbst sorgen. Ich muss Miete zahlen, Essen zahlen, Kochen, und wie zur Hölle versichert man sich selbst überhaupt?” Und dann stellt man vielleicht auch sich und seinen Blog in Frage. Ob es reicht, Komplimente zu bekommen, weil man sich hübsch anziehen kann. Ob einem das das gibt, was man braucht. Ob man wirklich nichts anderes kann. Und was man überhaupt kann. Ich glaube, das ist Erwachsenwerden. Man muss anfangen, sich selbst zuzuhören, sich zu fragen “Was kann ich wirklich gut?” und dazu stehen und dann wird man auch in der Lage dazu sein, all’ den Leuten, die dir Fragen stellen, zu sagen: “Nein. Bloggen ist nicht nur Hübsch aussehen und Fotos machen. Bloggen ist Codierung, SEO, eRecht, Bildbearbeitung, Texten, Selbstständig sein. Bloggen bin Ich. Ich lebe mich aus, meine erbaute, eigene Welt, wo ich mich selbst verwirkliche. Stundenlange Arbeit. Jeden Tag. Sich selbst in Frage stellen. So wie jeder andere Beruf. Vielleicht ein Tagebuch. Vielleicht Erwachsenwerden.”

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6 Comments

  • Reply Katinka 8. Oktober 2014 at 19:46

    Sehr sehr treffend beschrieben und sehr persönlich! Gefällt mir richtig gut! Mach weiter so!;-)
    Ps dein Blog gefällt mir neu sehr gut aber nicht nur wegen der schönen Bilder sondern auch wegen der teilweise auch kritischen Beiträge !!
    Weiterso

    • Reply fashionlunch 9. Oktober 2014 at 9:51

      Vielen, vielen Dank! 🙂

  • Reply Vivien 9. Oktober 2014 at 9:12

    Ich hab mich richtig an deine interessanten, gut geschriebenen und einfach wahren Texte gefreut – mittlerweile freue ich mich auf diese am meisten, wenn ich sehe, dass du etwas neues gepostet hast 🙂
    Weiter so :*

    • Reply fashionlunch 9. Oktober 2014 at 9:50

      Oh wie süß, vielen Dank. Das freut mich total. Ich wusste nie, ob das auch interessant für euch ist, aber umso besser. Umso öfter werde ich jetzt solche Texte schreiben 🙂 :*

  • Reply Joleena 10. Oktober 2014 at 9:17

    ich liebe dich.

    • Reply fashionlunch 11. Oktober 2014 at 13:10

      Ich liebe dich mal tausend.

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